Schmerzmedizin 5 / 2018

Medizinische Chancen mit Cannabis nutzen — — Die Therapie mit Cannabis ist seit gut einem Jahr in Deutschland erlaubt und wird zunehmend genutzt. Dennoch sind unsere klinischen Erfahrungen im Vergleich zu an- deren Ländern wie Kanada, wo Cannabis seit 2001 in verschiedenen Darreichungsfor- men verordnet wird, noch gering. „Start low and go slow“ empfahl die Internistin Dr. Caroline MacCallum, Vancouver General Hospital, Kanada, anlässlich ihres Vortrags auf dem Deutschen Schmerzkongress. Ähnlich wie bei uns wurde therapeutisches Cannabis in Kanada anfangs vor allem als Komedikation bei neuropathischen Schmer- zen eingesetzt. „Damit kann die Opioiddosis zumeist bis zu 30% gesenkt werden“, erklär- teMacCallumundweist auf die erwünschte Reduktion von opioidbedingten Nebenwir- kungen und Risiken hin. Mittlerweile sei die Wirksamkeit für weitere Indikationen wie die Therapie von Spastiken bei Multipler Sklerose sowie von Appetitlosigkeit und Erbrechen während einer Chemotherapie, bei Epilepsie und Migräne gut belegt. Die beiden Hauptwirkkomponenten in den Blüten der Cannabispflanze sind die Canna- binoide Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Ihre Wirksamkeit beruht unter anderem auf der Interaktion mit Re- zeptoren des endogenen Cannabinoidsys- tems CB-1 und CB-2. Der Gesamtextrakt enthält mehr als 100 weitere Cannabinoide in niedrigerer Konzentration sowie Terpene und Flavonoide, die synergistisch und mo- dulierend an den Rezeptoren wirken. Da Patienten meist Produkte mit allen Wirkstoffen der Pflanze gegenüber halb- synthetischen oder synthetischen Mono- substanzen bevorzugen, werden in Kanada vor allem ölige Vollextrakte der Blüten für die orale Anwendung oder getrocknete Blüten eingesetzt, die bei etwa 180–200°C vaporisiert und anschließend inhaliert werden. Ein halber Teelöffel (0,1 g) getrock- neter Blüten wirkt innerhalb von 5–10 Minu- ten und über 2– 4 Stunden. Es gelangt über die Lunge direkt in den Blutkreislauf und hat den Vorteil, dass keine potenziell schä- digenden Substanzen eingeatmet werden. Nach oraler Einnahme ist die Wirkung ver- zögert, hält aber länger an. Je nach Bedarf sind Kombinationen möglich. Die therapeutische Wirkung hängt in den einzelnen Indikationen stark vomVerhältnis THC zu CBD ab und erfordert eine individu- elle Dosierung. Für den Einstieg in die The- rapie empfiehlt MacCallum Blüten oder Extrakte mit hohem CBD- und geringem THC-Gehalt, da Letzteres für die psycho­ tropen Effekte von Cannabis verantwortlich ist. Aber auch bei einer Therapie mit einem höheren Anteil an THC verringern sich die psychotropen Effekte meist nach wenigen Tagen. Viele Vorbehalte, die hierzulande gegen den medizinischen Einsatz von Can- nabis bestehen, haben sich in Kanada als unbegründet erwiesen. „Bewährt hat sich eine kontrollierte, gut dokumentierte indi- viduelle Dosisfindung“, erklärte die Internis- tin. Patienten finden praktisch per Selbstti- tration ihre optimale – zumeist niedrige – Dosis und behalten diese lange bei. In Deutschland dürfen Ärzte Cannabisblü- ten und -extrakte sowie cannabisbasierte Medikamente verordnen. Mangels heimi- scher Cannabisplantagen müssen die Blü- ten vorerst noch aus demAusland bezogen werden. Eine konsistente Qualität nach GMP-Standards zur Qualitätssicherung bieten lizensierte Hersteller wie Canopy Growth als Mutter des deutschen Unterneh- mens Spektrum Cannabis GmbH. Mehr dazu unter: www.spektrum-cannabis.de . Dr. Ellen Jahn Fokusseminar „Neue methodische Ansätze in der Cannabistherapie“, Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2018, Frankfurt/M.,10.3.2018; Veranstalter: Spektrum Cannabis GmbH Ein nicht invasives System lindert postoperative Schmerzen — — Postoperativ leiden viele Patienten auch nach kleineren Routineeingriffen wie einer Tonsillektomie unter mäßigen oder starken Schmerzen [Gerbershagen HJ et al. Anest- hesiology 2013;118:934–44]. „Es sind also nicht nur die großen Operationen, auf die wir achtenmüssen“, betonte die Anästhesio­ login Professor Esther Pogatzki-Zahn, Leite- rin der Schmerzambulanz der Klinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Münster. Die Annahme, dass kleinere und mittlere Eingriffe generell schmerzarm sei- en, sei falsch. Vorteile im Rahmen der post- operativen Schmerztherapie bietet aus ihrer Sicht das vorprogrammierte patientenge- steuerte Analgesie(PCA)-System zur sublingualen Applikation von Sufenta- nil-Tabletten. Es ist einfach zu bedienen und kann von Patienten bis zu 72 Stunden nach dem Eingriff angewendet werden. Mögliche Risiken der intravenösenMedikamentenga- be wie Infektionen an der Einstichstelle entfallen damit. In der noch nicht publizier- ten Studie ZEUS in the EU after Surgery) mit 341 Patienten nach Operatio- nen vor allem des muskuloskelettalen Sys- tems, der Geschlechtsorgane und des Ver- dauungssystems bewirkte das PCA-System am Tag des Eingriffs einen Rückgang der mittleren Schmerzintensität um mehr als zwei Punkte auf einer von 0–10 reichenden Schmerzskala. „Eine Reduktion ummehr als zwei Punkte ist für einen Patienten ausgesprochen rele- vant“, so Pogatzki-Zahn. An den drei Folge- tagen konnte die mittlere Schmerzintensi- tät bei Werten unterhalb von 3,0 gehalten werden. Die Patienten beurteilten die Be- handlung überwiegend mit „ausgezeich- net“ oder „gut“. Die Ko-Medikation mit Cannabis kann dabei helfen, die nötige Opioiddosis zu reduzieren. ©© ksushachmeister / Getty Images / iStock Schmerzmedizin 2018; 34 (5) 63 Industrieforum

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