Schmerzmedizin 2 / 2019

Europäische Kommission erteilt Zulassung für Galcanezumab Im November 2018 hat die Europäische Kommission dem Wirkstoff Galcane- zumab die Zulassung zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat erteilt. Die Substanz wird als subkutane Injektion mit einem Fertigpen oder einer Fertigspritze verabreicht. Mit der Markteinführung in Deutschland wird im zweiten Quartal 2019 gerechnet. Bei Galcanezumab handelt es sich um den ersten humanisierten monoklonalen Antikörper, der spezifisch an das für die Pathogenese der Migräne bedeutsame Calcitonin-Gene-Related-Peptid (CGRP) bindet und damit dessen Aktivität blockiert. CGRP wirkt an mehreren Stellen als Schlüsselmolekül in der Patho- physiologie der Migräne und wird während einer Migräneattacke unter anderem aus Nervenendigungen des Trigeminusnervs freigesetzt. Dadurch kommt es neben anderen Prozessen zu einer peripheren und zentralen Sensitivierung, assoziiert mit einer neurogenen Entzündungsreaktion. Mit der Zulassung von Galcanezumab folgt die Europäische Kommission dem positiven Gutachten des Ausschusses für Humanmedizin (CHMP) vom 20. Septem- ber 2018 und gibt damit grünes Licht für eine speziell gegen die Migräne ent­ wickelte medikamentöse Prophylaxe. Die Zulassungsstudien haben gezeigt, dass Galcanezumab gut verträglich ist und die Anzahl der monatlichen Migränekopfschmerztage sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne signifikant stärker reduziert als Placebo. Im Rahmen von drei klinischen Phase- 3-Studien wurde die Wirksamkeit des Antikörpers nachgewiesen. Auch die Verträglichkeit wurde damit an mehr als 2.800 Patienten untersucht. Weniger als 4% der Studienteilnehmer brachen die Behandlung wegen therapiebedingter Nebenwirkungen ab. In allen drei Phase- 3-Studien waren die häufigsten Neben- wirkungen Schmerzen oder Hautreaktionen an den Injektionsstellen, gefolgt von Nasopharyngitis und anderen Erkrankungen der oberen Atemwege. Nach der Startdosis von zwei Mal 120 mg wird die Therapie dann mit einer Erhaltungsdosis von 120 mg fort­ geführt. red Nach Informationen der Lilly Deutschland GmbH Bessere Verträglichkeit von Opioiden durch NRI-Komponente — — Sowohl randomisiert-kontrollierte Stu- dien als auch aktuelle Registerdaten weisen darauf hin, dass eine Noradrenalin-Wieder- aufnahmehemmung zusätzlich zur Aktivie- rung von μ-Opioidrezeptoren die Verträg- lichkeit einer Opioidtherapie verbessert. In randomisiert-kontrollierten Studien zur Behandlung chronischer muskuloskeletta- ler Schmerzen hat der kombinierte μ-Agonist und Noradrenalin-Wiederaufnah- mehemmer (NRI) Tapentadol im Vergleich zu Oxycodon eine vergleichbare Wirksamkeit gezeigt, bei signifikant niedri- gerer Nebenwirkungsrate und Therapieab- bruchrate wegen Nebenwirkungen. Die Rate schwerer Nebenwirkungen unter den beiden Opioiden war vergleichbar. Beson- ders gastrointestinale Nebenwirkungen wie Obstipation und Erbrechen traten unter Tapentadol seltener, Mundtrockenheit hin- gegen häufiger auf als unter Oxycodon. Aktuelle Daten aus dem PraxisRegister Schmerz scheinen sowohl die mit anderen Klasse-III-Opioiden vergleichbare hohe analgetische Potenz von retardiertem Ta- pentadol zu bestätigen − mit besonders hohen Ansprechraten bei neuropathischen und gemischt nozizeptiv-neuropathischen Schmerzen − als auch dessen bessere Ver- träglichkeit. Da es sich bei Tapentadol um einen μ-Agonisten handelt, ist laut Profes- sor Ralf Baron, Neurologische Universitäts- klinik Kiel, mit einem gewissen Abhängig- keitspotenzial der Substanz zu rechnen. Dieses sei aber vermutlich geringer als bei anderen Opioiden, wahrscheinlich weil der analgetische Effekt teilweise auf der Norad- renalin-Wiederaufnahmehemmung beruhe. Entsprechend den Nationalen Versorgungs- leitlinien Kreuzschmerz soll die Behandlung chronischer Rückenschmerzen immer im Rahmen eines multimodalen Gesamtkon- zepts erfolgen. Die medikamentöse Schmerztherapie mit Opioiden kann gemäß der Leitlinie „zur Behandlung chronischer, nicht spezifischer Kreuzschmerzen als eine Therapieoption für 4−12 Wochen angewen- det werden“. Spätestens dann soll der Be- handlungserfolg erneut überprüft werden. Eine Fortführung kommt nur infrage, wenn ein Therapieansprechen vorlag. Dr. Thomas Heim Symposium „Aus der Praxis für die Praxis: Wel- che Bedeutung haben Real-World-Daten für den Alltag?“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 18.10.2018; Veranstalter: Grünenthal Naloxegol, wenn Laxanzien nicht mehr wirken — — Opioide, die in der Krebstherapie ver- wendet werden, binden nicht nur an die µ-Rezeptoren des Gehirns, sondern auch an die des gastrointestinalen Nervensystems. Deshalb leiden 60–90% aller Tumorpatien- ten früher oder später unter einer opioid­ induzierten Obstipation (OIC), die oft mit anderen gastrointestinalen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen und Blähungen einher- geht, und die Lebensqualität massiv ver- schlechtern kann. „Hausmittel gegen Ver- stopfung funktionieren bei OIC überhaupt nicht. Dafür müssten die Reflexe im Darm noch funktionieren – das tun sie aber nicht“, betont Dr. Franz Krizanits, Facharzt für An- ästhesiologie in Mülheim an der Ruhr. Des- wegen sei es wichtig, so Krizanits, Schmerz- patienten frühzeitig zu informieren, dass es während der Schmerztherapie zu Verstop- fung kommen könne. Da Ballaststoffe allein in der Regel nicht ausreichen, sollten Laxan- zien generell zusammen mit den Opioiden verordnet werden. Bei Erwachsenenmit OIC, die unzureichend auf Laxanzien angesprochen haben, kann Naloxegol ( , ein PEGyliertes De- rivat von Naloxon, eingesetzt werden. Die- ser peripher aktive Opioidrezeptorantago- nist, der den gastrointestinalen µ-Opioid- Rezeptor bindet, ermöglicht eine effektive Therapie der OIC. Naloxegol überschreitet zudem nicht die Blut-Hirn-Schranke und behindert somit nicht die Schmerztherapie mit Opiaten. Dr. Maren Mundt Symposium „Beatrice K. leidet - (k)ein besonde- rer Fall der palliativen Versorgung“, 12. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, 5.–8.9.2018, Bremen; Veranstalter: Kyowa Kirin Industrieforum  62 Schmerzmedizin 2019; 35 (2)

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