Schmerzmedizin 1 / 2019

allem bei beginnender Demenz und noch gutem gesundheitlichem Allge- meinzustand. Hier ist zunächst ein Konsil zwischen den betreuenden Ärzten und dem Zahnarzt zur Ab- schätzung des Risikos sinnvoll, um anschließend die Situation, die Risi- ken und das weitere Vorgehen in ei- nem gemeinsamen Gespräch mit dem betroffenem Bewohner, den Angehö- rigen oder Betreuern zu besprechen. — Zahnärztliche Implantate sind als be- sonders ungünstig einzustufen, weil es nie zu einer echten Verwachsungszo- ne der Gingiva mit dem Implantats- pfosten kommt und ein hermetischer Abschluss des schützenden Ekto- derms fehlt. Den Erregern sind Tür und Tor ins Körperinnere geöffnet. Deshalb braucht das Implantat beson- ders viel Pflege, die aber häufig nicht mehr möglich ist. — Geeignete Mundpflegemaßnahmen sind individuell zu prüfen und deren korrekte Durchführung mit dem Be- wohner, gegebenenfalls im Beisein von Pflegepersonal, Angehörigen oder Be- treuern einzuüben (Kasten „Mundhy- gienemaßnahmen im Alter“). Dabei müssen vielfach aus physischen, kog- nitiven, aber auch zeitlichen Gründen Abstriche von der Idealmundpflege hingenommen werden. Elektrische Hilfsmittel (z. B. Schallzahnbürste) er- leichtern die Mundraumpflege. In je- dem Fall sollten Bewohner, Angehöri- ge und Betreuer dazu motiviert wer- den, das richtige Handwerkszeug be- reitzustellen (z. B. Prothesenreini- gungsbürste, Dreikopfzahnbürste, Einbüschelbürste, Interdentalbürste, Zungenreiniger, Ultraschallreini- gungsgerät). — Bestens bewährt hat sich eine regel- mäßig durch Fachpersonal (Dentalhy- gieniker, Zahnmedizinische Prophy- laxeassistentin) durchgeführte profes- sionelle Zahnreinigung des gesamten Mundraums (mindestens zweimal pro Jahr), auch wenn die Kosten nicht zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkas- sen abgerechnet werden können (viele Krankenkassen bieten aber unter- schiedliche Sonderregelungen zur Be- teiligung an den Kosten an) — Eine enge Zusammenarbeit mit allen behandelnden Ärzten ist unerlässlich. Eine aktualisierte Anamnese und Me- dikationsplan ist bei allen invasiven Be- handlungen wichtig. Besondere Vor- sicht ist bei der Verordnung von Bis- phosphonaten oder monoklonalen An- tikörpern geboten, weil auch kleinere Verletzungen im Bereich der Kiefer- kämme (z. B. Druckstellen) zu schwe- ren Osteonekrosen führen können. — Zur Abschätzung des Behandlungs- aufwands und -risikos ist ein sichten- der Hausbesuch sinnvoll. Einfache Be- handlungen (etwa der Mundschleim- haut, Entfernung von Druckstellen, Extraktion bereits gelockerter Zähne, Zahnersatzreparaturen) lassen sich ohne aufwendigen und belastenden Krankentransport vor Ort durchfüh- ren. Aufwendigere Behandlungen sollten in der Praxis durchgeführt werden und dabei in besonderem Maße die Belange der Pflegebedürfti- gen berücksichtigen (Termin zur Wunschzeit, behindertengerechter Zugang, Vermeidung von Wartezei- ten, beruhigende, freundliche Atmo- sphäre, ruhige Sprache mit kurzen Sätzen, Lob, wiederholtes Nennen des Namens des Patienten, Anwesenheit vertrauter Personen, Berührung, auf- rechte Behandlungsposition vor allem bei Aspirationsgefahr, kurze Behand- lungsintervalle). Bei erforderlichen, aber medizinisch nicht vertretbaren ambulanten Behandlungen sollte mit dem betreuenden Arzt eine Sanierung unter stationären Bedingungen abge- klärt und gegebenenfalls veranlasst werden. Fazit für die Praxis Die Aufrechterhaltung der Mundge- sundheit stellt für alle Beteiligten eine große Herausforderung dar. Leider wird noch viel zu oft, vor allem bei pflegebe- dürftigen Menschen, zu wenig Wert auf die Pflege der Mundhöhle und den Sa- nierungszustand des Gebisses geachtet und das obwohl von diesem Bereich vie- le Gefahren für die Allgemeingesund- heit ausgehen können. Die Gesundheits- politik hat wichtige Voraussetzungen für die Verbesserung des Status quo geschaf- fen. Nunmehr obliegt es allen Beteilig- ten, in der Umsetzung verschiedener Maßnahmen für einen gesunden Mund bis ins hohe Alter zur sorgen. Literatur 1. DESASTIS. Pflegestatistik 2015 – Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung – Deutsch- landergebnisse. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2017 2. Nitschke I. Zur Mundgesundheit von Pfle- gebedürftigen und Menschen mit Behinde- rung in Deutschland – eine systematische Übersicht (Review) auf der Grundlage aktu- eller Einzelstudien (2000-2012). IDZ-Infor- mation 2012;3 3. Dohlus B. Nur jede vierte Prothese frei von riskantem Zahnstein. Prophylaxe impuls 2011;15:190-2 4. Gaus H. Akupunktur in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Teil 1: Akupunktur für Einsteiger und mäßig Fortgeschrittene. Ei- genverlag 2007:84-6 5. Müller F. Reduziert eine gute Mundhygiene das Pneumonie-Risiko? Zahnärztliche Mit- teilungen 2017;8:910-5 6. El-Solh AA. Association between pneumo- nia and oral care in nursing home residents. Lung 2011;189:173-80 7. Kreissl ME et al. Mundgesundheit und Pneumonie – Der Mund als Keimreservoir für Pneumonien bei pflegebedürftigen Se- nioren. Quintessenz 2008;59:1089-96 8. Awano S et al. Oral Health and mortality risk from pneumonia in the elderly. J Dent Res 2008;87:334-9 9. Deschner J. Interaktionen zwischen Paro- dontitis und Systemerkrankungen. Der Freie Zahnarzt 2018;62:68-76 10. Dörfer CE. Parodontitis und Allgemeinge- sundheit. Zahnärztliche Mitteilungen 2007;97:3242-50 11. Taylor GW et al. Periodontal disease: associ- ation with diabetes, glycemic control and complications. Review. Oral Dis 2008;14:191- 203 12. Tonetti MS et al. Treatment of periodontitis and endothelial function. N Engl J Med 2007;356:911-20 Hardy Gaus Zahnarzt Dozent für Akupunktur, Naturheil­ verfahren und Ganzheitliche Zahnmedizin Kirchstraße 15 72479 Strassberg Email: info@zahnarzt-hardy-gaus.de DAGST Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie 62 Schmerzmedizin 2019; 35 (1)

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