Schmerzmedizin 6 / 2018

Zwischen Patientenwunsch und moralischen Vorbehalten Es wurde Kontakt zu einer Transplanta- tionskommission aufgenommen, die aber nicht dem Wunsch des Patienten folgte. Die Ablehnung wurde mit dem Vorliegen eines latenten Diabetes und ei- ner chronisch obstruktiven Lungener- krankung (COPD) begründet. Zudem wurde darauf verwiesen, nicht aus- schließen zu können, dass mit der weit vorangeschrittenen ALS des Patienten ein gesundheitliches Risiko auf den Bru- der übertragen wird. Außerdem versi- cherte man, dass der Bruder ohnehin bald auf ein Spenderorgan hoffen dürfe. In einem persönlichen Gespräch mit ei- nemMitglied der Transplantationskom- mission wurde jedoch offenbar, dass die unmittelbare Einstellung der Beatmung nach der Organentnahme bei einem nicht hirntoten Patienten Diskussionen hinsichtlich möglicher Tötung auf Ver- langen (aktive Sterbehilfe) in der Uni- versitätsklinik mit sich bringen könnte und man sich dieser Diskussion nicht aussetzen wolle. Erwartungsgemäß war der Patient von der Entscheidung der Transplanta- tionskommission enttäuscht – auch für mich als den Behandelnden war die Ent- scheidung unverständlich. Zum einen sind die Organspendezahlen in Deutsch- land so niedrig wie nie, zum anderen hätte ich mir für meinen Patienten mehr Power aus der Uniklinik gewünscht. Mein Patient folgte in den nächsten Wo- chen seinem lang gehegten Entschluss, nach Beendigung der maschinellen Be- atmung unter palliativer Sedierung im Kreis seiner Familie gut symptomkont- rolliert zu versterben. Denkanstöße für die Zukunft Was ist aus diesem Fall zu lernen? Den Patienten im Rahmen der psychosozia- len Anamnese zu Betreuungsbeginn nach Erkrankungen seines Bruders zu fragen, ist leider unterblieben. Sonst hät- te man gegebenenfalls frühzeitiger nicht nur das Thema eines Behandlungsab- bruchs, sondern auch das der Transplan- tation diskutieren können und müssen. Vielleicht hätte der Gedanke der Le- bendspende mit Explantation nur einer Niere und anschließender Rückkehr in die Häuslichkeit dann eine Chance ge- habt. Möglicherweise profitieren wir zu- künftig von einer standardisierten Er- fassung der psychosozialen Verhältnisse durch unsere Koordinatoren. Dass aber aus einer Universitätsklinik das Argument vorgetragen wird, dem nachvollziehbaren Patientenwunsch und seinem Recht auf Behandlungsab- bruch nicht zu entsprechen, da es Beden- ken wegen möglichem Fehlverständnis von Mitarbeitern hinsichtlich einer Tö- tung auf Verlangen gibt, ist für mich nur bedingt nachvollziehbar. Eine Therapie zum selbstgewählten Zeitpunkt einzu- stellen und in Vorgriff auf die Verwirk- lichung dieses Wunsches noch eine Le- bendspende zu ermöglichen – welche Chance für den Bruder! Zudem wird in den Medien aktuell mehr denn je eine nachlassende Bereitschaft zur Organ- spende beklagt und eine neue Gesetzge- bung in der Transplantationsmedizin gefordert (Widerspruchs- vs. Zustim- mungslösung), um mehr Patienten durch Spenderorgane eine höhere Le- bensqualität zu ermöglichen. Das Transplantationsgesetz in seiner aktuellen Fassung hätte dem vom Pati- enten und mir geplanten Vorgehen De- ckung gegeben. Lediglich die im Gesetz geforderte medizinische Nachsorge für den Organspender hätte nicht stattfin- den können. Palliativmedizinisches Denken und Handeln hat sicher noch viel Entwicklungspotenzial im ambulan- ten Bereich – ganz sicher aber auch in der Universitätsmedizin, die uns doch in al- ler Regel Richtschnur und Vorbild ist, aus deren Mitte aber auch zum großen Teil die Gutachter und Meinungsbildner kommen. Entscheidungen am Lebens­ ende werden uns und unsere Gesell- schaft weiter herausfordern, aber auch weiterentwickeln. Potenzial also hier wie dort. Dr. med. Eberhard A. Lux, Lünen ©© Eisenhans / Fotolia (Symbolbild mit Fotomodell) Viele Menschen warten auf ein Spenderorgan, etwa eine Niere. Dennoch gibt es Vorbehal- te, Palliativpatienten als Lebendspender zuzulassen – selbst auf deren Wunsch hin. Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 63

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