Schmerzmedizin 6 / 2018

Fahrtüchtigkeit Es fehlen echte Grenzwerte bei Cannabis — — In Deutschland geht man von 1–2% der Autofahrer aus, die unter Cannabiswirkung am Steuer sitzen. Der Grenzwert für Fahr- tüchtigkeit liegt bei 1 ng/ml. Doch der ba- siert – ganz anders als beim Alkohol – nur auf der hypothetischen Annahme einer Fahruntüchtigkeit. Präzise Grenzwerte scheitern daran, dass die Cannabismetabo- lisierung starken individuellen Schwankun- gen unterliegt. Das rechtsmedizinische Institut der Univer- sität Düsseldorf überprüfte nun in einer kleinen Studie aus 15 Probanden (alle regel- mäßige Cannabiskonsumenten) mittels ei- nes Fahrsimulators, wie lange der Konsum eines Joints die Fahrtüchtigkeit tatsächlich beeinträchtigt. Nach einer „Nüchternfahrt“ (Ausgangswert) konsumierten die Teilneh- mer unter Aufsicht einen standardisierten Joint. Direkt nach demKonsum fand die Testfahrt im Simulator statt. Zusätzlich wurde auch nach drei und nach sechs Stunden geprüft. Die Rechtsmediziner vermuteten nämlich eine teilweise erhebliche zeitliche Latenz der Cannabiswirkung. Die Probanden hat- ten im Vergleich zum Ausgangswert einen um den Faktor sechs erhöhten Fehlerscore. Der statistische Durchschnittswert fiel zwar drei Stunden nach dem Konsum auf den Ausgangswert zurück. Doch sechs Stunden später stieg der Fehlerscore erneut auf das Dreifache des Ausgangswertes. Subjektiv dagegen fühlten sich die Probanden zu diesem Zeitpunkt absolut fit. Insgesamt zeigte sich eine sehr starke Schwankung bei der individuellen Auswirkung des Cannabis auf die Fahrtüchtigkeit (2- bis 3-fache Stan- dardabweichung). Bei der klinischen Untersuchung fiel auf, dass Probanden mit einer Cannabiskonzen- tration im Blut von > 15 ng/ml unabhängig vomMesszeitpunkt deutlich beeinträchtigt waren. Für andere Konzentrationen ließen sich aufgrund der geringen Fallzahl keine Aussagen treffen. Dr. Horst Gross 97. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, Halle/Saale,12.–15. 9.2018 Sterbebegleitung Die katholische Kirche trommelt für Palliativmedizin — — Wer sieht, wie schwierig die Umsetzung palliativmedizinischer Versorgung allein in Deutschland ist, mag ahnen, um wie viel kom- plizierter sie sich etwa in Ländern der Dritten Welt realisieren lässt. Die Unwissenheit in den meisten Regionen ist groß, der Versor- gungsbedarf wird weiter steigen. Der Vatikan will zu diesem Thema nicht länger schweigen und sieht dringend Handlungsbedarf. Er wirbt mit einer neuen Initiative, die von der Päpstlichen Akademie für das Leben initiiert wurde. Der Name: „PAL-Life“. Die wichtigsten Schmerzmittel für jeden Menschen zugänglich und das Leben bis zuletzt lebenswert machen sowie die Palliativversorgung weltweit weiter ausbauen – das sind Kernziele, die sich die Initiatoren des Projekts auf ihre Fahnen geschrieben haben. Der Vatikan hat mit seinem Vorstoß nicht zuletzt auch seine eigenen Einrichtungen im Blick: In kirchlichen Institutionen wie Bischofskonferenzen, religiö- sen Orden oder katholischen Universitäten ist die Unwissenheit groß und die Sensibilisierung für Palliativversorgung praktisch nicht vorhanden. Die päpstliche Akademie legt dabei Wert auf eine differenzierte Unterscheidung zwischenMaßnahmen der Palliativmedizin und der Euthanasie. Die Botschaft: Ziel der Palliativmedizin ist nicht mehr Heilung, sondern bestmögliche Lebensqualität für sterbenskranke Menschen. Die Herausforderungen sind groß. In Afrika etwa ist der Aufbau von palliativen Versorgungsstrukturen in keinem einzigen Gesundheits- system festgeschrieben, sondern eine echte Aufgabe für Pioniere. Es gibt kein geschultes Personal und keinen Zugang zu Opioiden, zugleich sind die finanziellen Ressourcen begrenzt. Für Emmanuel Luyirika vom Afrikanischen Palliative Care Verband ist das kein Grund zur Entmutigung: „Wir arbeiten unermüdlich weiter. Die Ini- tiative der Katholischen Kirche wird uns bei diesem Prozess unter- stützen.“ Christoph Fuhr ©© LianeM/Fotolia Selbst Stunden nach Cannabiskonsum kann die Fahrtüchtigkeit noch beein- trächtigt sein – auch wenn die Konsu- menten sich selbst körperlich fit fühlen. Mit der Initiative „PAL-Life“ will sich der Vatikan dafür einsetzen, die Palliativversorgung weltweit auszubauen und Menschen einen besseren Zugang zu Schmerzmitteln zu gewähren. ©© Parilov / stock.adobe.com Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 7

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