Schmerzmedizin 6 / 2018

mension des Schmerzerlebens. Bei post- operativen Schmerzen gehören dazu un- mittelbar OP-assoziierte Beeinträchti- gungen von Bewegungsfunktionen, aber auch Schlafstörungen und psychosoziale Aspekte wie Gefühle von Hilflosigkeit, Angst oder auch Selbstwirksamkeits- überzeugungen. Bei der Beurteilung des Schmerzerlebens steht natürlich die sub- jektive Bewertung durch den Patienten im Vordergrund. Sie kann aber durch leicht messbare klinische Parameter wie den Opioidverbrauch oder durch Funk- tionsparameter wie die Laufstrecke oder die Vitalkapazität ergänzt werden. Um die Dimensionen des Schmerz­ erlebens zukünftig standardisiert und valide erfassen zu können, werden in ei- nem bereits seit Jahren anhaltenden Pro- zess der Forschung und Konsensfindung Zielparameter und Evaluationsinstru- mente erarbeitet, die sich sowohl für kli- nische Studien als auch für die Quali- tätssicherung in der medizinischen Ver- sorgung eignen sollen. Professor Winfried Meißner, Fachbe- reich Schmerztherapie der Uniklinik Jena, sieht auf diesem Weg mutmachen- de Signale. Dazu zählt er beispielsweise die Tatsache, dass die Deutsche Gesell- schaft für Palliativmedizin nun erstmals Ergebnis-Qualitätsindikatoren für die Versorgung von Schmerzpatienten defi- niert hat – etwa den Quotienten aus der Anzahl der Patienten, die innerhalb von 48 Stunden nach Aufnahme eine Schmerzreduktion erlebt haben, geteilt durch die Anzahl der Patienten, die bei Aufnahme signifikante Schmerzen hat- ten. Auch dass die Konferenz der Ge- sundheitsminister der Länder sowie die Patientenvertretung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) sich für die Entwicklung von Qualitätsindikatoren in der Schmerztherapie stark machen, wertet Meißner als ein hoffnungsvolles Zeichen. Dr. Thomas M. Heim Symposium „Qualität in der Akutschmerz­ therapie – messen wir das richtige?“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 19.10.2018 Diskussion um die wahre Natur des Spannungskopfschmerzes Sind Spannungskopfschmerzen eine eigene Erkrankung oder nur ein sekundäres Syndrom aufgrund anderer Erkrankungen? Eine spannende und kontroverse Frage. „Ja, eine eigenständige Erkrankung“, ist Dr. Torsten Kraya aus Halle überzeugt. „Nein, nur ein sekundäres Syndrom“, widerspricht PD Dr. Stefanie Förderreuther aus München. F ür Dr. Torsten Kraya, Kopfschmerz- ambulanz der neurologischen Uni- versitätsklinik Halle, ist die Sache klar: „Spannungskopfschmerzen sind sehr wohl eine eigenständige Erkrankung, al- lerdings nur unter der Voraussetzung, dass sie richtig klassifiziert werden.“ Die nosologische Zuordnung sei aber nicht trivial, zumal es zum Spannungskopf- schmerz (SKS) – anders als zur Migräne – nur wenige Studien gäbe, und diese wie- derum an einem überwiegend niedrigen methodischen Qualitätsniveau krank- ten. Mit der notwendigen Sorgfalt kön- ne man aber Migräne und sekundäre Kopfschmerzformen als die wichtigsten Differenzialdiagnosen durchaus klar ge- genüber SKS abgrenzen. Bereits die epidemiologischen Cha- rakteristika des SKS im Vergleich zur Migräne unterstützen Kraya zufolge sei- ne Pro-Position: Die Gesamtprävalenz beim SKS sei viel höher und der Frauen- überhang viel geringer und von fragli- cher Relevanz. Auf eine unterschied­ liche Pathophysiologie von SKS und Migräne deuten laut Kraya auch die validierten diagnostischen Kriterien, und davon wiederum ammeisten die so genannten Alternativkriterien. Diese beschreiben die Abwesenheit ausge- prägter Begleitsymptome beim SKS, wie Osmophobie, kombinierte Phono- und Photophobie sowie mittlere bis starke Übelkeit oder Erbrechen. Diese Zusatz- kriterien wurden erst in den letzten Jah- ren als starke Abgrenzung zur Migräne erkannt. Als weiteres Pro-Argument nennt Kraya die Unterschiede in der Therapie: Bei Migräne helfen Triptane und Anti­ emetika, Pfefferminzöl hingegen bei SKS-Attacken. Auch die meisten Medi- kamente, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden, vom Betablocker bis zum Antikonvulsivum und, als einzige Ausnahme, Antidepressiva, seien krank- heitsspezifisch. Gegen übertriebene Diagnostik PD Dr. Stefanie Förderreuther von der Neurologischen Klinik der Universität München hingegen stellt SKS als unspe- zifisches Syndrom dar. Dafür spreche unter anderem der häufig fehlende Krankheitswert. Dass bereits ein Kopf- schmerztag pro Monat genügt, um die Diagnose entsprechend den Kriterien der International Headache Society zu stellen, hält die Expertin für übertrieben. „Ich stelle die Diagnose SKS ohnehin nur ungern, weil die Palette der Erkran- kungen, die sich dahinter verbergen können, sehr groß ist“, betont Förder- reuther. Eine der häufigsten davon ist die Somatisierungsstörung. Auch die Prog- nose und der Verlauf von SKS zeige eine hohe Variabilität und korreliere mit Chronifizierungsfaktoren, wie man sie von anderen chronischen Schmerz­ erkrankungen kennt, wie psychische und somatische Komorbiditäten oder Analgetikakonsum. In einem Punkt sind sich die beiden Kontrahenten wiederum einig: Es gäbe zunehmend Indizien dafür, dass SKS und Migräne aus pathophysiologischer Sicht ein Kontinuum darstellen könnten. Dafür spreche unter anderem die hohe Zahl von Migränepatienten, die zusätz- lich zu ihren Migräne- auch SKS-Atta- cken hätten. Möglicherweise ist zumin- dest ein Teil der Patienten, die aus- schließlich SKS-Attacken haben, von ei- ner milderen Form dieses Kontinuums betroffen als die klassischen Migräne­ patienten. Dr. Thomas M. Heim Symposium „Spannungskopfschmerzen sind spannend, aber auch kontrovers!“ Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 18.10.2018 Schmerzmedizin 2018; 34 (6) 9

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