Schmerzmedizin 3 / 2018

Keine Bedarfsplanung ohne Facharzt Beim Streitthema „Facharzt für Schmerzmedizin“ sorgte DSG-Chef Schmelz, dessen Verband die Einfüh- rung stets abgelehnt hatte, bei den Be- suchern für Verblüffung. Er räumte ein, dass der Idee, den von der DGS seit Jah- ren geforderten Facharzt einzuführen, eine „innere Schönheit“ innewohne. Die Umsetzbarkeit scheitert aus seiner Sicht aber nicht zwingend an einem Dissens zwischen Niedergelassenen und Klinikärzten, sondern an den Grä- ben zwischen Fachgesellschaften unter- schiedlicher Disziplinen. Die Frage nach dem Facharzt für Schmerzmedi- zin bleibt also weiterhin aktuell. DGS und BVSD wollen ihre Forderung vor- erst zurückstellen, auch wenn sie wei- terhin der Meinung sind, dass dieser Facharzt das Ziel bleibt. Ihr Argument, ohne diesen Facharzt werde die Bedarfsplanung für eine an- gemessene Versorgung von Schmerzpa- tienten verhindert, fokussierte sich bis- her auf den ambulanten Bereich. Doch jetzt gibt es auch mit Blick auf Kliniken Bewegung: Ein aktuelles Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Ber- lin-Brandenburg zur Krankenhaus-Be- darfsplanung (Az.: 05.10.2017 – 5 B 6.17) eröffnet neue Perspektiven. Da- nach findet die Bedarfsermittlung für Kliniken nur nach den Hauptdiszipli- nen der Weiterbildungsordnung (WBO) statt, nicht aber für Subdiszi­ plinen. Die Schmerztherapie gilt ledig- lich als Zusatzweiterbildung, die ergän- zend zu jeder Fachgebietskompetenz erworben werden kann. Vor diesem Hintergrund, so die Schlussfolgerung der DGS, sehe der Krankenhausplan weiterhin keine eigen- ständige Fachabteilung für multimodale Schmerztherapie vor. Die Versorgung von Schmerzpatienten erfolgt vielmehr in den psychiatrischen und somatischen Fachabteilungen. Das Fazit der DGS: Ohne den Facharzt gibt es keine Be- darfsplanung im ambulanten und stati- onären Bereich. Ohne ihn gibt es auch keine Weiterbildungsförderung gemäß Paragraf 75a SGB V durch die KVen – und die Schmerzmedizin bleibt unat- traktiv für den medizinischen Nach- wuchs. Gemeinsame Ziele definieren Schmelz, der zuvor gewarnt hatte, dass unter der Devise „Wir haben uns alle wieder lieb“ die falschen Signale gesetzt würden, sorgte am Ende des Präsiden- tensymposiums erneut für Verblüffung. „Die Perspektiven einer womöglich ge- meinsamen Schmerzgesellschaft sehe ich positiv“, sagte er. Eine Einschätzung, die dem neuen DGS-Chef Horlemann allerdings doch nicht ganz geheuer schien. Zu unterschiedlich sei die Histo- rie, zu verschieden seien die Arbeitsfel- der der beiden Fachgesellschaften mit ihren jeweiligen Schwerpunkten im am- bulanten und stationären Bereich. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns tatsäch- lich in einer gemeinsamen Fachgesell- schaft vereinigen sollten“, meldete Hor- lemann deshalb Zweifel an. Den Weg hin zu einer besseren Versorgung aller- dings, den wolle sein Verband gerne mit DSG und BVSD gemeinsam gehen. Und dieser Weg beginne damit, gemeinsame Ziele zu definieren. Ein Anfang ist gemacht. Das nächste Präsidententreffen soll am 8. und 9. Juni 2018 in Berlin stattfinden. Er wolle nicht ausschließen, dass sich die Debatte zu- nächst etwas im Kreis drehe, sagte Joa- chim Nadstawek: „Aber vielleicht sind wir im Juni schon einen Schritt weiter.“ Horlemann mahnte beim Symposium eine bessere Kommunikation auch mit Vertretern anderer medizinischer Diszi- plinen an, die in den Versorgungspro- zess involviert seien. Er beklagte großes Unwissen über die Arbeit der Schmerz- mediziner generell. Die Botschaft an die Kollegen müsse eindeutig sein: „Wir wollen euch nicht eure Patienten weg- nehmen. Wir wollen lediglich all die Pa- tienten versorgen, bei denen ihr mit eu- ren therapeutischen Optionen nicht mehr weiterkommt. Warum wehrt ihr euch dagegen?“ Kritik an Krankenkassen Die DGS will nicht länger akzeptieren, dass die Kassen der Gesetzlichen Kran- kenversicherung überquellen, zugleich aber die Versorgung von Menschen mit schweren chronischen Schmerzen er- hebliche Defizite hat. „Die Krankenkas- sen sind nicht die Sparkasse der Versi- chertengelder“, kritisierte Horlemann. Von den Kassen dürfe erwartet werden, dass schwerstkranke Menschen nicht durch Antragsverfahren zermürbt wer- den. Horlemann kritisierte auch „sinn- lose Verzögerungstaktiken in Genehmi- gungsverfahren für Medikamente.“ Dies gelte insbesondere für Cannabis. Die DGS belässt es nicht bei diesen Forderungen, sondern nennt weitere De- fizite. „Die gegenwärtigen Arbeits- und Vergütungsstrukturen in der Schmerz- medizin müssen dringend attraktiver werden“, mahnte DGS-Vizepräsident Dr. Oliver Emrich. Nur so gebe es eine Chance, junge Ärzte für Patienten zu be- geistern, die als „austherapiert“ gelten. Diese seien von Orthopäden, Neurolo- gen, Internisten, Onkologen oder Allge- meinmedizinern behandelt worden, al- lerdings habe man ihre Schmerzen nicht lindern können. Digitalisierung bietet Chancen Positiv positioniert sich die DGS mit Blick auf neue Telematikprojekte der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Sie bieten Chancen der Vernetzung al- ler relevanten Berufsgruppen rund um den chronischen Schmerz“, sagte Horle- mann. Die DGS hatte für den Schmerz- tag ein Motto gewählt, das für Zukunft steht: Schmerzmedizin 4.00 – Digitali- sierung/Vernetzung/Kommunikation“. Dieses Thema sei herausfordernd und werfe zugleich viele Fragen auf, sagte der DGS-Ehrenpräsident Dr. Gerhard Müller-Schwefe. „Wo sind die Grenzen des ethisch Machbaren? Wo bewegen wir uns in den ethischen Grenzberei- chen der Medizin?“ Müller-Schwefe er- wartet rasante Veränderungen in der Arzt-Patienten-Beziehung, die auch im Bereich Schmerz relevant werden. Digi- talisierung bedeute „Waffengleichheit“, sagte er. Patienten nutzten die Chance, sich schnell und umfassend etwa online über Krankheitsbilder zu informieren. Dabei könne es sich durchaus auch um „Fake News“ handeln, „und damit müs- sen wir umgehen können“, sagte er. Wenn die Digitalisierung konsequent genutzt werde, würden herkömmliche Versorgungsstrukturen aufgebrochen und etablierte Berufsbilder revolutio- niert. „Die hierarchische Pyramide mit dem Arzt an der Spitze weicht einem Pain Care Team, das mit hausärztlicher, fachärztlicher und nicht ärztlicher Schmerzmedizin 2018; 34 (3) 9

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