Schmerzmedizin 3 / 2019

Philoktetes und das Parzival-Epos des Wolfram von Eschenbach. Philoktet wird im Trojanischen Krieg bei einer Rast von einer Schlange gebis- sen. Die Wunde am Fuß ist schwer und heilt nicht. Da die Gefährten seine Schmerzensschreie und den Geruch der Wunde nicht ertragen, setzen sie ihn auf der einsamen Insel Lemnos aus und überlassen ihn zehn Jahre sich selbst und seinem Schmerz. „Wenn wir die Qual se- hen, weichen wir zurück“, erläuterte Reemtsma das Geschehen. Dass zudem der Schmerz das Gesicht des Menschen entstellt, verhindere beim Gegenüber Empathie. Zugleich störe Schmerz die Ordnung des normalen Tages – sowohl bei demjenigen, der den Schmerz erlei- det, als auch bei seinenMitmenschen. In Philoktets Fall bei seinen Gefährten, den Griechen. Besonders quälend ist für Phi- loktet, dass er sein Leiden in der Einsam- keit der Insel niemandemmitteilen kann. Auch Amfortas, der Gralshüter des Parzival-Epos, leidet entsetzlich an einer quälenden Wunde, die immer wieder neu aufbricht, und die nur der heilige Speer schließen kann, der sie geschlagen hat. „Amfortas erlebt seine Qual wie ein dauerndes Sterben ohne den erlösenden Tod“, sagte Reemtsma. Geheilt wird er schließlich von Parzival, der die Frage stellt: „Oheim, was quält dich? – waz wirret dier?“. Damit hat Parzival eigent- lich eine Konvention der Rittertugenden gebrochen, nämlich die, niemals zu vie- le Fragen zu stellen. „Um erfolgreich zu sein, musste Parzival also eine Grenze überschreiten“, betonte Reemtsma. Die- se Erkenntnis auf den Umgang mit Schmerzpatienten zu übertragen, sei wichtig: „Stellen Sie die richtigen Fragen, beispielsweise nach Farbe und Ton des Schmerzes, lassen Sie den Patienten erzählen. Aber stellen Sie keine standar- disierten Fragen“, riet Reemtsma, und schloss so den Bogen zum Kongress­ motto. Dr. Silke Wedekind Kongresseröffnung und Grußworte, Exzellenzvortrag/-Symposium „Kommunikation, soziale Gemeinschaft und Schmerz: ‚Waz wirret dier?‘ Der Schmerz und das Reden“, Deutscher Schmerz- und Palliativtag, Frankfurt am Main, 7. März 2019 Wunden sind nicht immer heilbar Exulzerierende Wunden bedeuten für den Patienten eine enorme psychische und physische Belastung. Wichtig ist es, die Therapie auf drei Ebenen anzugehen: Schmerzen und Geruch zu kontrollieren, die Psyche der Patienten zu stabilisieren und den Betroffenen bei der Angst­ bewältigung zu unterstützen. E twa 5–10% aller Patienten mit fortge- schrittener Tumorerkrankung leiden an exulzerierenden Wunden, bei denen klar ist, dass das Ziel der Wundheilung nicht mehr zu erreichen ist. „Die Er- krankung entstellt den Menschen und belastet ihn psychisch enorm, auch we- gen des meist intensiven Faulgeruchs des Gewebes. Nicht selten sind die Pati- enten daher traumatisiert, schwer de- pressiv und suizidgefährdet“, berichtete Norbert Schürmann, Facharzt für Anästhesie und Algesiologe in Moers. Da Angehörige mit dem Anblick der Wunden und der Geruchsbelästigung oft überfordert sind, distanzieren sie sich, sodass der Patient zunehmend ver- einsamt. Die Behandlung exulzerierender Kar- zinome ist Schürmann zufolge unzwei- felhaft eine Herausforderung und zu- gleich eine multiprofessionelle Aufgabe. „Die Therapie muss auf drei Säulen ru- hen: der symptomkontrollierendenThe- rapie, die insbesondere die Behandlung der Schmerzen und die Geruchsbin- dung verfolgt, der Stabilisierung der Psyche und der Angstbe- wältigung“, betonte der Schmerztherapeut. Eine gute Versor- gung der Patienten durch Ärzte, Pfle- gende, Psychoonkologen und Seelsorger könne selbst in einer derartig schwieri- gen Behandlungssituation zu einer Ver- besserung der Lebensqualität der Pati- enten beitragen. „Entscheidend ist, dass man ein Schmerzkonzept hat“, hob Schürmann hervor. Für die Erstbehandlung von Patienten mit starken Tumorschmerzen riet er zur intravenösen Opiattitration bis auf ein Niveau von 3 bis 5 auf der visuellen Analogskala (VAS). Neben der Basismedikation mit retardierten Opio- iden, die sich aus dieser Titration ablei- tet, und gegebenenfalls der Gabe von Ko-Analgetika zur unterstützenden Schmerztherapie müssen die Patienten dann zusätzlich eine Bedarfsmedikati- on zur Behandlung belastungsabhängi- ger, absehbarer Schmerzen erhalten. Eingesetzt werden können hierfür nicht retardierte Opioide, deren Dosis etwa ein Sechstel der Gesamttagesdosis be- tragen sollte. Ergänzend sollten den Pa- tienten auch ultraschnell wirkende Fen- tanyle zur Behandlung von Durch- bruchschmerzen zur Verfügung gestellt werden. Für die lokale Behandlung der exul- zerierenden Karzinome riet Schür- mann zum Einsatz von Morphin- oder Oxycodon-Fertiglösungen, die sich in ihrer Dosierung an der Opioid-Basis- medikation orientieren sollte. Mit ei- nem Zerstäuber kann die Lösung gleichmäßig über der Wundfläche ver- teilt werden. „Diese Lokaltherapie trägt dazu bei, die Basis- und Bedarfsmedi- kation an Opioiden zu reduzieren, was wiederum die Nebenwirkungen der Therapie reduziert und die Wachheit der Patienten verbessert“, ergänzte Schürmann. Schon Kleinigkeiten, wie das Aufstellen von Kaffeepulver, um den Geruch der Wunden zu neutralisieren, können dem Patienten eine Hilfe sein. ©© T. Wejkszo / Stock.adobe.com Schmerzmedizin 2019; 35 (3) 11

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