Schmerzmedizin 4 / 2019

Digitale Medizin Sollten Patienten Kopfschmerz-Apps verwenden? Immer mehr Kopfschmerz-Apps sind auf dem Markt – die bekannteste ist derzeit wohl die „Migräne App“ der Schmerzklinik Kiel unter Leitung von Professor Hartmut Göbel. Die Apps sollen Kopfschmerzen doku- mentieren, bei der Suche nach Triggerfaktoren helfen und die Möglichkeit bieten, dass sich Patienten unter- einander oder mit dem Therapeuten austauschen. Dem stehen Fragen nach nicht einheitlichen Qualitäts- standards und Datenschutzproblemen gegenüber – und die Gefahr, dass die App selbst zum Stressor wird. Pro: Apps können die Patientenversorgung verbessern D ie Nutzung von Smartphone-Apps bietet neue Möglichkeiten, die Pati- entenversorgung zu verbessern. Auch für Kopfschmerzpatienten steht mittlerwei- le eine Vielzahl von Apps in den jeweili- gen App-Stores zum Download bereit. Qualitativ gut gemachte Kopfschmerz- Apps gehen hierbei weit über die Funkti- on eines elektronischen Kopfschmerzka- lenders hinaus: Sie ermöglichen eine Auswertung von auslösenden Faktoren (sog. Triggerfaktoren wie Schlafmangel), können dem Patienten ein verbessertes Verständnis seiner Erkrankung vermit- teln, zu Entspannungs- und physiothera- peutischen Übungen anleiten und bei der regelmäßigen Durchführung von Aus- dauersport unterstützen (z. B. in Form von individuell zusammengestellten Trainingsplänen). Werden die Trigger- faktoren frühzeitig erkannt und die nichtmedikamentösen Therapien regel- mäßig ausgeübt, lassen sich im besten Fall künftige Attacken vermeiden. Gegenüber einem herkömmlichen, papierbasierten Kopfschmerzkalender bietet auch die Dokumentation viele Vorteile: Einige Apps können anhand der eingegebenen Parameter zwischen Migräne und Spannungskopfschmerz unterscheiden. Der Arzt kann sich so rasch einen Überblick über die Anzahl der Migräne- und Spannungskopf- schmerztage verschaffen, was insbeson- dere bei der Diagnostik der chronischen Migräne sehr hilfreich sein kann. Eben- so kann die App die Einnahmefrequenz von Akutmedikamenten überwachen und den Patienten warnen, wenn bei- spielsweise die kritische Grenze zum Medikamentenübergebrauch erreicht wird. Damit der Arzt diese zu diagnos- tischen oder therapeutischen Zwecken verarbeiteten Daten nutzen kann, ist ein entsprechendes CE-Kennzeichen als Medizinprodukt notwendig. Stärkung des strukturschwachen Raums Im Idealfall geht eine App über die reine Interaktion zwischen Nutzer und Gerät hinaus und ermöglicht beispielsweise auch eine verkürzte Kommunikation mit dem Arzt über eine Online-Sprechstun- de. Mit dem durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesauschusses ge- förderten Projekt SMARTGEMmöchten wir genau das erreichen. Die Teilnehmer erhalten einerseits die App „M-sense“, die alle oben aufgeführten Möglichkei- ten bietet. Darüber hinaus erhalten sie Zugang zu einem mehrfach die Woche angebotenen Expertenchat mit einem Arzt des Kopfschmerzzentrums sowie zu einem ärztlich moderierten Patienten­ forum, in dem sich die Betroffenen aus- tauschen und dem Arzt Fragen stellen können. Insbesondere in strukturschwa- chen Regionen ist der Zugang zu kopf- schmerzspezialisierten Ärzte undThera- peuten erschwert. Durch Nutzung dieser neuen Technologien kann den Betroffe- nen eine ortsunabhängige und zeitspa- rende Ergänzung zur medizinischen Be- handlung in der Sprechstunde vor Ort geboten werden. Die Effektivität dieses neuen digitalenTherapiekonzeptes wird gegenwärtig in einer kontrollierten Stu- die untersucht. Therapeuten sind nicht ersetzbar Trotz einer Vielzahl von Möglichkeiten ist klar, dass Apps und Online-Angebo- te niemals den direkten Kontakt zum Arzt oder Therapeuten ersetzen können. Sinnvoll eingebettet in ein Therapiekon- zept können sie jedoch sowohl den Arzt als auch den Patienten unterstützen und somit zu einer besseren Versorgung bei- tragen. Eine enge Zusammenarbeit zwi- schen Entwicklern, Ärzten, Psychologen und Patienten ist notwendig, um eine entsprechende Qualität zu garantieren und die Technologie auch wirklich zum Wohle der Patienten einzusetzen. Dr. med. Lars Neeb Oberarzt der Klinik für Neurologie Charité – Universitäts­ medizin Berlin Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin E-Mail: lars.neeb@ charite.de 10 Schmerzmedizin 2019; 35 (4) Medizin aktuell

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