Schmerzmedizin 5 / 2018

anderem psychische Störungen, Erfah­ rungen von Missbrauch oder Misshand­ lung in der Kindheit, chronische Atem­ wegserkankungen, nächtliches Schnar­ chen, Allodynie und bestimmte geneti­ sche Konstellationen. Stressmanagement – Schlüssel der Prävention Es gibt eine wachsende Zahl von Indizi­ en dafür, dass eine gestörte Stressver­ arbeitung einen erheblichen Anteil an der Entstehung, Aufrechterhaltung und Chronifizierung von Migräne und ande­ ren chronischen Schmerzerkrankungen – einschließlich Fibromyalgie und Reiz­ darmsyndrom – hat. So zielen nicht nur Betablocker auf die – in diesem Fall neu­ ronal-endokrine – Stressmodulation ab, sondern auch praktisch alle nicht medi­ kamentösen Verfahren zur Migränepro­ phylaxe. In den aktuellen Leitlinien der Deut­ schen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) werden kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, Biofeedback und Stressbewältigungsverfahren aus­ drücklich empfohlen, gegebenenfalls im Rahmen einer Schmerzpsychotherapie. Ausdauersport und Akupunktur sind mit einer „Kann-Empfehlung“ versehen [1]. Dodick plädierte dafür, das Spekt­ rum der übenden Verfahren weit zu fas­ sen. Begrenzte Wirksamkeitsbelege gäbe es mittlerweile auch zu „mindfulness based stress reduction“ (MBSR), Yoga oder Qigong. „Lassen Sie Ihre Patienten auswählen, was ihnen persönlich am meisten zusagt“, riet Dodick. Hohe psychische Komorbidität Die American Migraine Prevalence and Prevention(AMPP)-Studie bestätigte die Bedeutung sozialer und psychischer Faktoren für die Schmerzchronifizie­ rung: Patienten mit chronischer Migrä­ ne hatten im Vergleich zu Personen mit episodischen Migräneattacken ein sig­ nifikant niedrigeres Einkommen, waren häufiger arbeitslos oder erwerbsgemin­ dert. Chronische Migräne war etwa dop­ pelt so häufig mit Depression, Angststö­ rungen und chronischen Schmerz­ erkrankungen assoziiert wie episodische Migräne [2]. Eine aktuelle Erhebung des Zentral­ instituts für die Kassenärztliche Versor­ gung (ZI) in Deutschland bestätigt zum einen die hohe Komorbidität von Mig­ räne mit psychischen Störungen, zum anderen die Bedeutung zusätzlicher so­ matischer Symptome. Personen ohne Kopfschmerz waren zu etwa einem Viertel von mindestens einer psychi­ schen Störung betroffen, Kopfschmerz­ patienten zu mehr als einem Drittel. Ka­ men zusätzlich zu den Kopfschmerzen Rücken- oder Darmbeschwerden hinzu, dann erhöhte sich die Prävalenz psychi­ scher Störungen auf mehr als die Hälfte [3]. Auch dass die erhöhten Depressions­ raten nicht allein mit der psychischen Belastung erklärbar sind, die aus häufig wiederkehrenden Kopfschmerzen resul­ tiert, legt die AMPP-Studie nahe, wenn auch nicht kausalitätsbeweisend. Bei Pa­ tienten mit episodischer Migräne erwies sich eine begleitende Depression als un­ abhängiger Prädiktor dafür, später eine chronische Migräne zu entwickeln. Je schwerer die Depression, desto höher war das Risiko [4] ( Abb. 1 ). Vor diesem Hintergrund erscheinen die von Professor Elisabeth K. Seng, Al­ bert Einstein College of Medicine in New York, präsentierten Studienergeb­ nisse wenig überraschend. Die Forscher fanden heraus, dass Kinder von Migrä­ ne-betroffenen Eltern – überwiegend Müttern – sich auf moderatem Level be­ lastet fühlen – mit Schwerpunkten beim globalen Wohlbefinden, der Eltern- Kind-Beziehung, einem Mangel an Un­ terstützung im Alltag und emotionaler Belastung. Nur häufige Begleiter oder Verwandte? Vermutlich sind psychische Störungen nicht nur häufige Begleiter der Migräne, sondern sogar genetisch mit ihr ver­ wandt. Dodick zitierte dazu eine vor kurzem publizierte Studie des Brain­ storm Consortiums, in der sich auf ge­ nomischer Ebene eine hohe Korrelation zwischen unterschiedlichen psychischen Störungen – Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), De­ pression und Schizophrenie – zeigte. Menschen mit neurologischen Erkran­ kungen wie Alzheimer-Demenz oder ischämischem Insult dagegen hatten ge­ nomisch sehr viel weniger Gemeinsam­ keiten. Eine Ausnahme bildete die Mig­ räne, die zwar mit anderen neurologisch klassifizierten Erkrankungen eine nied­ rige, mit psychischen Störungen jedoch eine hohe genomische Korrelation auf­ wies [5]. Psychisches Trauma, Medikamente und der Kopfschmerz Einen besonders hohen Anteil von Be­ troffenen, die in ihrer Kindheit potenzi­ Abb. 1 : Das Risiko für eine Migränechronifizierung korreliert mit der Schwere einer Depression. OR: 1,81; 95 %-KI: 1,01–3,23; p = 0,04 OR: 1,82; 95 %-KI: 1,12–2,97; p = 0,02 OR: 1,37; 95 %-KI: 0,93–2,04; p = 0,11 0 1 2 Wahrscheinlichkeit der Migränechroni zierung 420 656 1.398 10.898 Depression Größe der gepoolten Längsschnittstichprobe keine/leichte moderate moderate–schwere schwere mod. nach Ashina S et al. J Headache Pain 2012; 13: 615-24 [4] Schmerzmedizin 2018; 34 (5) 9

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