Schmerzmedizin 6 / 2018

Einfühlsame Worte des Arztes als potentes Koanalgetikum Positive Erwartungen können mitunter nahezu so gut Schmerzen lindern wie starke Schmerzmittel. Negative Erwartungen wiederum können die beste pharmakologische Schmerztherapie kompromittieren. Eine Studie zum post- operativen Schmerz bei Brustkrebspatientinnen bestätigt nun, wie wichtig Kommunikation ist, um positive Erwartungen zu nähren. T rotz leitlinienbasierter Behandlungs- optionen erlebt nach Operationen eine Vielzahl der Patienten Schmerzen mittlerer bis hoher Intensität“, berichtet Professor Sven Benson, Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbio- logie der Uniklinik Essen. Unzurei- chend behandelte Schmerzen seien für die Betroffenen sehr belastend und ber- gen Benson zufolge auch ein hohes Risi- ko für Schmerzchronifizierung, längere Einnahme von Analgetika und Opio- idabhängigkeit. Es sei daher dringend notwendig, die postoperative Schmerz- therapie zu optimieren. Besser nicht zu unterschätzen: die „Droge Arzt“ Dabei könne die Tatsache nützlich sein, dass durch die Induktion positiver Er- wartungen die Wirksamkeit der Be- handlung erheblich verstärkt werden könne. Allein durch Placebos habe man in Studien Schmerzlinderungen erzielt, die mit der oralen Gabe von 4–6 mg Morphin vergleichbar waren, und auch die Potenz pharmakologisch wirksamer Schmerzmittel variiere sehr stark mit den Erwartungen des Patienten. Ein wichtiger Faktor sei dabei die „Droge Arzt“: Viel wirksamer als eine verdeckte Applikation, etwa über eine computerge- steuerte Arzneimittelpumpe, sei immer die offene Gabe, beispielsweise in Form einer Injektion durch eine als solche so- fort erkennbare Ärztin, die glaubhaft versichert, sie verabreiche nun ein star- kes Medikament. Benson und Kollegen führten eine randomisiert kontrollierte Studie mit 120 Brustkrebspatientinnen durch, bei denen eine operative Tumorresektion geplant war. Der einen Hälfte der Pati- entinnen wurde vor dem Eingriff ange- kündigt, dass sie möglicherweise im Aufwachraum eine ganz neuartige und vermutlich hochwirksame Behandlung − ähnlich einer Ohrakupunktur − erhal- ten würden. Die andere Hälfte wurde le- diglich auf diese Möglichkeit hingewie- sen, ganz neutral, also ohne die Behand- lung zu bewerten. Von beiden Gruppen erhielten wiederum randomisiert jeweils die Hälfte, also ein Viertel aller Patien- tinnen, eine Placebo-Akupunktur am Ohr, an drei vorher festgelegten Punk- ten, die aber willkürlich ausgewählt wor- den waren und keinem Akupunktur- punkt entsprechen. Die andere Hälfte beider Gruppen erhielt keine Placebo- Akupunktur. Die postoperative Analge- sie erfolgte in allen Fällen patientenge- steuert mit parenteralem Morphin. Ein optimistischer Arzt hebt die Zufriedenheit Die Patientinnen, die vor der Operation eine positive Instruktion erhalten hatten, bewerteten ihre postoperative Schmerz­ intensität als signifikant niedriger als die Patientinnen, die eine neutrale Informa- tion erhalten hatten. Dieser Effekt war unabhängig davon, ob die Scheinaku- punktur durchgeführt wurde oder nicht. Der Morphinbedarf war in allen Grup- pen vergleichbar. Insgesamt seien, so Benson, die Patientinnen mit der Schmerztherapie sehr zufrieden gewe- sen. Nur in der Gruppe der neutral In- formierten war die Zufriedenheit der Nichtakupunktierten um einen halben Score-Punkt niedriger als bei den scheinakupunktierten Patientinnen. Benson vermutet, dass alleine die Ein- bindung in eine Studie und die einfühl- same und ermutigende Art der Aufklä- rung vor der Operation den Patientin- nen das Gefühl vermittelte, gut versorgt zu werden und keine Angst vor Schmer- zen haben zu müssen. „Unsere Studie hat bestätigt, dass Therapieerwartungen Schmerz und Zufriedenheit erheblich beeinflussen können, und dass Kommu- nikation dabei entscheidend ist“, resü- miert Benson. Dr. Thomas M. Heim Symposium „Erwartung von Patienten auf Zuversicht und Selbsteffizienz bei der Schmerz- linderung setzen!“, Deutscher Schmerzkongress, Mannheim, 18.10.2018 Steht der Arzt einer Therapie positiv gegenüber, steigert sich auch die positive Erwartung des Patienten. Das kann den Therapieerfolg unterstützen. ©© CasarsaGuru / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodellen) Medizin aktuell Deutscher Schmerzkongress 2018 10 Schmerzmedizin 2018; 34 (6)

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