Schmerzmedizin 1 / 2019

Belastung. Weitere Nachteile sind Ne- benwirkungen durch hohe Serumspit- zenspiegel und die kurze Wirkdauer von 2 bis 4 Stunden. Ein Vorteil der Inhala- tion kann der schnelle Effekt bei Akuter- eignissen (z. B. Migräneattacke) sowie die geringere Akkumulation von 11-OH- THC sein, das im Vergleich zu THC als psychoaktiver gilt. Das üblicherweise prophylaktische Vorgehen bei chroni- schem Schmerz spricht für die orale Vor- gehensweise mit länger anhaltenden Wirkeffekten (8–12 Stunden oder mehr) und gleichmäßigeren Wirkspiegeln, wo- bei das Prinzip „start low, go low und keep low“ gelten sollte [2]. Zusammenfassung — Die ko-evolutionäre Entwicklung von Vertebraten und Pflanzen haben ein fein aufeinander abgestimmtes System geschaffen. — Es existiert eine anekdotische Evidenz für Wirkverstärkung und Reduktion von Nebenwirkungen bei Vollextrak- ten („Entourage-Effekt“). — Vollextrakte/Blüten können auch oral eingesetzt werden. — Die Qualitätskontrollen von Cannabis können vergleichbar hoch sein wie bei Einzelsubstanzen [11]. — Durch die in den letzten Jahren genau- ere und schneller erreichbare bioche- mische Charakterisierung der Canna- bissorten kann ein personalisierter Einsatz angestrebt werden. — Die genaue Beschäftigung mit allen An- teilen der Cannabispflanze (z. B. auch Wurzeln) ist der Treiber für die Entde- ckung neuer Wirkstoffe und Einsatzge- biete. Nur so kann der „pharmakologi- sche Schatz“ gehoben werden [12]. — Klinische Studien, die die Effekte von Einzelsubstanzen, Kombinationen von Einzelsubstanzen und botani- schen Gemischen vergleichen, sind notwendig. Literatur 1. McPartland JM et al. J Cannabis Therapeutics 2002;2:73-103 2. Karst M. Schmerz 2018;32:381-96 3. Russo EB et al. Adv Pharmacol 2017;80:67-134 4. Karst M et al. Drugs 2010;70:2409-38 5. Perry D et al. Can Fam Phys 2018;64:519 6. Johnson JR et al. J Pain SymptomManage 2010;39:167-79 7. Sacca F et al. J Neurol Sci 2016;368:349-51 8. Bar-Lev Schleider L et al. Eur J Int Med 2018;49:37-43 9. Pamplona FA et al. Front Neurol 2018;9:759 10. Hazekamp A et al. J Pharm Sci 2006;95:1308- 17 11. Bonn-Miller MO et al. Int Rev Psych 2018;30:277-84 12. Mechoulam R. Br J Pharmacol 2005;146:913-5 Prof. Dr. Matthias Karst Arzt für Anästhesiologie, Spezielle Schmerztherapie, Psychotherapie, Akupunktur, Palliativmedizin Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin Leiter der Schmerzambulanz Medizinische Hochschule Hannover Carl-Neuberg.Str. 1, 30625 Hannover Mail: karst.matthias@mh-hannover.de Ungeklärte Fragen zur Verkehrssicherheit Am Verkehrsgerichtstag vom 24.–26. Ja- nuar 2018 wurden grundsätzliche Beden- ken zur Fahrtüchtigkeit unter dem Ein- fluss von Cannabis geäußert. Aufgrund der hohen initialen Wirkspiegel nach In- halation empfiehlt die kanadische Praxis- leitlinie, mindestens vier Stunden nach ei- ner Cannabisblüteninhalation auf Auto- fahren zu verzichten [5]. In einer aktuellen kanadischen Studie mit gesunden 18- bis 24-jährigen Freizeitkonsumenten fand sich nach einer standardisierten Inhalati- on vom 100 mg einer Cannabisblüte mit 13% THC-Gehalt noch fünf Stunden spä- ter eine statistisch signifikante Einschrän- kung bei komplexen Fahrleistungen – vor allem in ungewohnten Situationen [6]. Wirtschaftlichkeitsgebot und mögliche Regresse Die Kosten für eine 30-tägige Therapie mit 100 g Cannabisblüten liegen bei 1.939 €, für ölige Dronabinoltropfen mit 1.000 mg THC bei 844 € und für Nabiximols- Mundspray mit 1.000 mg THC bei 426 €. Einzelne Schmerztherapeuten haben in- zwischen über Regressforderungen be- richtet. Schlussfolgerung Cannabisbasierte Fertig- und Rezeptur- arzneimittel beziehungsweise standardi- sierte Cannabisextrakte zur oralen Ver- wendung verschreibe ich in Überein- stimmung mit dem Positionspapier der European Pain Federation [7]. Eine In- dikation für Cannabisblüten sehe ich nur in wenigen Fällen: — Bei Schmerzspitzen von Tumor- schmerzen beziehungsweise bei Mig- räne- und Clusterkopfschmerzen, die auf alle anderen Therapien refraktär sind — Wenn bei Tumorschmerzen keine ora- le Aufnahme möglich ist (z. B. Perito- nealkarzinose) — Bei Unverträglichkeit von cannabis- basierten Fertig- und Rezepturarznei- mitteln Literatur 1. Häuser W et al. Dtsch Arztebl Int 2017;114:627-34 2. Andreae MH et al. J Pain 2015;16:1221-32 3. Mücke M et al. Cochrane Database Syst Rev 2018;3:CD012182 4. Grotenhermen F. Clin Pharmacokinet 2003;42:327-60 5. Ogourtsova T et al. CMAJ Open 2018;6:E453-62 6. Allan GM et al. Can Fam Physician 2018;64:111-20 7. Häuser W et al. Eur J Pain 2018;22:1547-64 Prof. Dr. med. Winfried Häuser Arzt für Innere Medizin, Spezielle Schmerztherapie MVZ für Schmerzmedizin und seelische Gesundheit Saarbrücken St. Johann Großherzog-Friedrich Straße 44–46 66111 Saarbrücken Mail: whaeuser@klinikum-saarbruecken.de Fortsetzung des Pro-Parts von Seite 8 Fortsetzung des Kontra-Parts von Seite 9 Medizin aktuell Pro und Kontra – Cannabinoide in der Schmerztherapie 10 Schmerzmedizin 2019; 35 (1)

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