Schmerzmedizin 5 / 2019

Der Körper mag keine Überraschungen Dass gewisse Faktoren tatsächlich Migräneattacken auslösen können, ist mehr als nur Einbildung. Vor allem Abweichungen von dem, was wir im Alltag gewöhnt sind, können in Kopfschmerz münden. E ine Übersicht rund um das Thema Triggerfaktoren bei Migräne präsen- tierte Professor Vincent Martin, Kodi- rektor des „Headache and Facial Pain“- Programms der Universität von Cincin- nati, USA, und räumte auch gleich mit dem noch immer existierenden Mythos auf, wonach die vermeintlichen Migrä- netrigger in Wahrheit nichts anderes als Prodromalstadien einer Migräne seien. „Keine Chance, dass das wahr ist“, be- kräftigte er. Sicherlich gäbe es in eini- gen Fällen Überschneidungen, etwa dem Triggerfaktor Licht und dem Pro- dromalsymptom Fotophobie oder bei Heißhungerattacken, die ebenso Trig- ger wie auch Prodromalstadium sein können. Für Triggerfaktoren wie Wet- ter oder Hormonschwankungen wäh- rend der Menstruation könne das aber nicht gelten: „Es gibt kein Prodromal- symptom Menstruation!“, unterstrich Martin. Ebenfalls wurde in einer Studie ge- zeigt, dass sich durch starke Gerüche Kopfschmerzen hervorrufen ließen – al- lerdings nur in Patienten, die an Migrä- ne leiden, nicht in solchen mit Span- nungskopfschmerzen [1]. „Dass das ein Placeboeffekt ist, ist sehr unwahrschein- lich,“ ist Martin überzeugt. Die Schwierigkeit, Triggern auf die Spur zu kommen, liege nicht nur darin, dass nicht jeder Trigger für jeden Pati- enten gleichermaßen relevant ist. Er- schwerend komme nämlich hinzu, dass ein bestimmter Faktor nicht automa- tisch jedes Mal in einem Patienten Mi- gräne auslöst, nur weil er dies einmal getan hat. Dies könne daran liegen, dass das Nervensystem nicht immer glei- chermaßen empfindlich ist und Trigger- faktoren unter Umständen erst gemein- sam mit gewissen Verhaltensweisen zum Tragen kommen. „Wir leben nicht in einer Blase, wo wir immer nur einen Faktor ändern können!“, betonte Mar- tin. Abweichungen von der Norm führen zu Kopfschmerzen Maßgeblich entscheidend dafür, ob ein Kopfschmerz ausgelöst wird, scheinen vielmehr Abweichungen von dem zu sein, was für den Körper die Norm ist. Martin verdeutlichte dies am Beispiel Kaffeekonsum: „Wenn man zwei Tassen Kaffee täglich gewohnt ist, bedeutet es eine große Umstellung, plötzlich vier Tassen zu trinken. Andererseits ist es auch eine große Umstellung, wenn man statt zwei Tassen plötzlich überhaupt keinen Kaffee mehr trinkt.“ Dass eine Abweichung vom Normalzustand Kopf- schmerzen begünstigt, lege zumindest eine aktuelle Studie nahe, zeigte Martin ( Abb. 1 ) [2]. Darin war die Zunahme an nicht gewohnten, „überraschenden“ Faktoren wie eine Abweichung der übli- chen Dosis Kaffee, Alkohol oder Stress mit einer höheren Wahrscheinlichkeit dafür verbunden, am nächsten Tag Kopfschmerzen zu haben. „Der Körper stellt sich auf eine bestimmte Situation ein und er mag keine Veränderungen – egal in welche Richtung“, resümierte Martin. Die Frage ist nun, wie man mit seinen Triggerfaktoren, wenn man sie denn ein- mal identifiziert hat, umgehen soll. Soll man sich ihnen stellen oder sie vermei- den? In einer Studie wurden 127 Patien- ten zufällig in vier Gruppen eingeteilt [3]. Eine Gruppe sollte ihre Trigger kon- sequent vermeiden, eine weitere sollte sie ebenfalls vermeiden, bekam aber zusätz- lich kognitive Verhaltenstherapie, die dritte Gruppe erlernte Copingstrategien, Abb. 2 : Vergleich des Einflusses von vier Strategien zum Umgang mit Migränetriggern auf die Kopfschmerzintensität: Copingstrategien, Vermeidung + kognitive Verhaltenstherapie (KVT), striktes Vermeiden sowie kein Vorgehen (Warteliste) (* p < 0,05 im Vgl. zu Warte­ listengruppe) (mod. n. [3]). 35 30 25 20 15 10 5 0 –5 –10 Verbesserung (prozentual) Coping Vermeiden + KVT Vermeiden Warteliste * * Abb. 1 : Je mehr Abweichungen von den gewohnten Lebensumständen auftreten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Kopfschmerzen am Folgetag (mod. n. [2]). 0,7 0,6 0,5 0,4 0,3 Wahrscheinlichkeit für Kopfschmerz am nächsten Tag Ungewohntes Ereignis (Stück) 0,0 2,5 5,0 7,5 10,0 Medizin aktuell 61. Kongress der American Headache Society in Philadelphia 10 Schmerzmedizin 2019; 35 (5)

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