Schmerzmedizin 4 / 2019

Kontra: Die Apps erfüllen noch nicht die Qualitätsanforderungen F ür den Bereich Kopfschmerz sind in den letzten Jahren im Rahmen der Digitalisierung der Medizin verschiede- ne Apps auf den Markt gebracht worden. Hierbei ergeben sich vielfältige Möglich- keiten, die auf das Potenzial dieser Ent- wicklung hinweisen. Zurzeit sollte man bei der Nutzung und Empfehlung von Kopfschmerz-Apps allerdings vorsichtig sein; es gibt nämlich noch einige Prob- leme zu beachten. Qualitätsstandards fehlen Wenn Sie in einer Apotheke Medika- mente kaufen, dann gehen Sie zu Recht davon aus, dass diese für den Markt zu- gelassen sind und formale Vorgehens- weisen und Qualitätsstandards (Evi- denzstudien, Unbedenklichkeitsstudien usw.) eingehalten wurden. Doch wie sieht das bei den App-Stores aus? Hier kann zurzeit noch jeder eine App entwi- ckeln und vertreiben. Dies spricht nicht grundsätzlich gegen deren Qualität, je- doch lässt sich diese kaum beurteilen, da verbindliche Qualitätsstandards und großangelegte Studien noch fehlen. Erkenntnisse stammen häufig aus kleinen Studien, teilweise durch die App-Hersteller selbst durchgeführt und somit nicht unabhängig. Verglichen mit Medikamenten wäre ein überspitzt for- muliertes Szenario, dass jeder in seiner Küche Medikamente zusammenmixen und in Apotheken zum Verkauf anbie- ten könnte. Qualitätskriterien, die Ex- perten an Kopfschmerztagebuch-Apps stellen, sind nur in Ansätzen erfüllt. Sel- ten werden bei der Entwicklung der Apps wissenschaftlich und klinisch täti- ge Kopfschmerzexperten einbezogen. Datenschutzprobleme sind weiterhin ernst zu nehmen, auch wenn sich hier mittlerweile einiges getan hat. Anforderungen an Therapeuten und Patienten Neue Technologien bergen Probleme in der Anwendung – sowohl auf Seite der Patienten („usability“) als auch des The- rapeuten. Dies liegt einerseits an der Komplexität der Systeme (z. B. Fragen des Datenschutzes, IT-Infrastruktur, Kompatibilität), aber auch im Prozess der diagnostisch und therapeutisch sinnvollen Reduktion der schieren Mas- se an Daten. Normalerweise müssen Therapeuten mit relativ wenigen Daten (z. B. aus Anamnese oder Laborwerten) Entscheidungen treffen. Möglicherweise sind also Weiterbildungen oder neue technische Lösungen notwendig. Bei den Patienten könnte die ständige Beschäftigung mit den Symptomen („Hatten Sie in den letzten zwei Stunden Kopfschmerzen?“, „Wie intensiv waren die Schmerzen?“) zu einer erhöhten Symptomaufmerksamkeit führen. Die Apps selbst könnten somit zu Stressoren werden und Kopfschmerzen begünsti- gen. Hierzu sollten dringend Studien durchgeführt werden. Mögliche Komplikationen nicht absehbar Historische Beispiele wie die Atomkraft zeigen, dass eine zu einem bestimmten Zeitpunkt als bahnbrechend empfunde- ne Technologie langfristig Risiken ber- gen kann. Längsschnittstudien sind hier unerlässlich. Bei Kopfschmerz-Apps sollten ähnliche Qualitätsstandards an- gewandt werden wie bei anderen Thera- pieansätzen; Apps müssen zu medizini- schen Apps werden. Da sie in Zukunft immer wichtiger werden, ist es notwen- dig, die aktuellen Probleme (mangelnde Evidenz, Datenschutz) besser zu verste- hen, überhöhte Erwartungen zu vermei- den und entsprechende Lösungen zu er- arbeiten. Sollte dies gelingen, werden Apps in Zukunft die Diagnostik und Therapie unterstützen können. Dr. med. Thomas Dresler Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Graduiertenschule & Forschungsnetzwerk LEAD Universität Tübingen Calwerstraße 14, 72076 Tübingen E-Mail: thomas.dresler@ med.uni-tuebingen.de Schmerzmedizin 2019; 35 (4) 11

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