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Anhaltende postpartale Schmerzen des

Beckenbodens – unterschätzt und unterversorgt?

Auch wenn postpartale Schmerzen des Beckenbodens eine eher geringe

Inzidenz haben, so sind sie für die Betroffenen aber durchaus klinisch rele-

vant. Was fehlt, sind Untersuchungen zur Entstehung und Therapie der

Patientinnen.

I

mmerhin 5–7% der gebährenden Fau-

en entwickeln postpartal chronische

Schmerzen des Beckenbodens, die über

viele Jahre andauern können. Verhal-

tensänderungen, um den Schmerz zu

vermeiden, sind die Folge. Grundvor-

aussetzung zur Prävention anhaltender

postpartaler Beckenbodenschmerzen sei

es, die Risikofaktoren für die Entste-

hung zu identifizieren, erklärte Profes-

sor Hilde Robinson, Oslo/Norwegen.

Denn für bis zu 10% der Frauen, die be-

reits während einer Schwangerschaft Be-

schwerden entwickeln, bedeute dies an-

haltende Konsequenzen in Bezug auf Le-

bensqualität und Arbeitsfähigkeit, so

Helen Elden von der Universität Göte-

borg/Schweden. Vor diesem Hinter-

grund waren die Ergebnisse einer Grup-

pe von Wissenschaftlern aus Norwegen

eindrucksvoll, die den Einfluss der Art

des Geburtsvorganges auf die Entste-

hung von Beckenbodenschmerzen über

einen Zeitraum von sieben bis 18 Mona-

ten nach der Geburt untersuchte.

Eingeschlossen in eine Longitudinal-

studie von 1999 bis 2008 wurden 20.248

Patientinnen, die vor einer Schwanger-

schaft beschwerdefrei waren. Die Frauen

bekamen für eine spätere Auswertung

vier Fragebögen. 4,5% der Frauen be-

richteten über neu auftretende Schmer-

zen im Beckenbodenbereich in den ers-

ten drei Monaten nach der Geburt eines

Kindes. Verglichen mit einer normalen

vaginalen Geburt war die Quote an Be-

schwerden höher (Odds ratio (OR) 1,30;

95% Konfidenzintervall (KI) 1,06 –1,59),

wenn eine vaginale Geburt operativ un-

terstützt wurde. Bei geplanten oder Not-

fall-Sectios allerdings war die Rate an

Beschwerden geringer (OR 0,48; 95% KI

0,31 – 0,74 und OR 0,65; 95% KI

0,49– 0,87). Auch das Alter spielte eine

Rolle: Jüngere Frauen hatten ein gerin-

geres Risiko, postpartal Beckenboden-

schmerzen zu entwickeln. Interessanter-

weise entwickelten Frauen mit bekann-

ter Schmerzhistorie und schwerer Ge-

burt zu einem höheren Anteil auch

postpartal

Beckenbodenschmerzen

(

Abb. 1

). Daher appellierte Dr. Elisabeth

Krefting Bjelland, Lørenskog/Norwegen,

diese Patientinnen nach einer Geburt

besonders zu überwachen.

Im Vorfeld lässt sich das Risiko da-

durch minimieren, dass man Frauen, die

eine Schwangerschaft planen, zu regel-

mäßigem Sport animiert. Untersuchun-

gen konnten zeigen, so Katrine Owe,

Oslo/Norwegen, dass Frauen, die vor ei-

ner ersten Schwangerschaft bis zu fünf-

mal pro Woche Sport machen, ein deut-

lich geringeres Risiko haben, während

der Schwangerschaft Schmerzen im Be-

reich des Beckengürtels zu entwickeln.

Darüber hinaus ist es wichtig, wie Tove

Culshaw, Göteborg, zeigen konnte, Pati-

entinnen, die einen chronischen

Schmerz ausgebildet haben, Möglichkei-

ten anzubieten, wodurch sie wieder ak-

tiv werden und aus ihrer Bewegungsver-

meidungshaltung herauskommen. Culs-

haw berichtete über Patientinnen, die

mittels individueller Trainingsprogram-

me für die geschwächte Muskulatur und

durch Motivationsübungen ihre Bewe-

gungsfähigkeit verbessern konnten.

Dr. Henrike Ottenjann

Parallel Session III: Robinson H. Risk factors for

sick-leaves due to lumbopelvic pain in late preg-

nancy. Elden H. Consequences on health and

function after a pregnancy with classified pelvic

girdle pain: a longutidinal follow-up study. Owe

K. Exercise levels before pregnancy: Does it af-

fect pelvic girdle pain in pregnancy? Bjelland EK

et al. Pelvic pain after childbirth: a longitudinal

population study. Pain 2016, 157: 710-716, Poster

P150. Culshaw TV et al. Poster P42 Karolinska Ins-

titute, Department of Neurobiology and Neuros-

cience and Physiology, University of Gothenburg,

Sweden. 9

th

Interdisciplinary World Congress on

Low Back Pain, Singapur, 2. November 2016

Abb. 1

: Postpartale Beckengürtelschmer-

zen (min. 0 bis max. 12) bei Frauen 0 bis 18

Monate nach der Geburt.

2

1

0

Durchschnittlicher Beckengürtelschmerz

Monate nach der Geburt

0−3

4−6

7−18

Mit Schmerzhistorie

Ohne Schmerzhistorie

©© Bjelland EK et al.

Rauchen und Rückenschmerzen – gibt es da eine Kausalität?

Rauchen wird für viele Erkrankungen und Beschwerden verantwortlich gemacht. Eine

Arbeitsgruppe aus Minneapolis/USA stellte nun fest, dass aktive Raucher im Vergleich

zu ehemaligen Rauchern oder auch zu Nichtrauchern eine höhere Prävalenz für

Rückenschmerzen haben.

In einer Querschnittsanalyse des National Health Interview Surveys 2012 (Nationale

Gesundheitserhebung 2012) hatten von über 34.000 Patienten insgesamt 28% Rücken-

schmerzen. Es zeigte sich darüber hinaus eine signifikante Assoziation zwischen Rü-

ckenschmerzen und Rauchen. 36,9% waren Raucher, 33,1% waren ehemalige Raucher

und 23,5% keine Raucher. Je höher der tägliche Zigarettenkonsum, desto höher war

die Prävalenz. Zigarettenkonsum, so Claire Johnson, Minneapolis/USA, scheint damit

ein biologischer Gradient für Rückenschmerzen zu sein.

Dr. Henrike Ottenjann

Parallel Session Va. Vortrag Johnson C. Biological gradient in the association between smoking

and back pain in a cross-section of adult americans. 9

th

Interdisciplinary World Congress on Low

Back Pain, Singapur, 3. November 2016

14

Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

Medizin aktuell

9. Interdisciplinary World Congress on Low Back Pain