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Migräneprophylaxe bei Kindern nicht besser

als Placebo

In der Prophylaxe von Migräneepisoden bei Kindern sind Amitriptylin und

Topiramat nicht wirksamer als Placebo. In den USA wurde eine randomisierte

Studie vorzeitig gestoppt, weil sich keinerlei Zusatznutzen abzeichnete. Die

Therapie war von teilweise erheblichen Nebenwirkungen begleitet.

D

ass die in der Erwachsenenmedizin

zur Migräneprophylaxe zugelasse-

nen Medikamente Amitriptylin und

Topiramat bei Kindern offenbar wir-

kungslos sind, ist das ernüchternde

Resultat einer Studie, die von der US-

Gesundheitsbehörde National Institutes

of Health unterstützt wurde. „Das Mo-

dell der Kopfschmerzbehandlung, wel-

ches bei Erwachsenen funktioniert,

scheint sich nicht auf Kinder übertragen

zu lassen“, schreiben die Studienautoren

um Scott W. Powers vom University of

Cincinnati College of Medicine.

In Deutschland gehört das Antikon-

vulsivum Topiramat in der Migränepro-

phylaxe bei Erwachsenen zur ersten

Wahl, wohingegen Amitriptylin, ein tri-

zyklisches Antidepressivum, lediglich

als zweite Wahl empfohlen wird. Für

Kinder sind beide Medikamente zumin-

dest hierzulande nicht zugelassen.

An der randomisierten Studie, die an

31 US-Zentren lief, haben 361 Kinder und

Jugendliche im Alter zwischen 8 und 17

Jahrenmit der Diagnose Migräne gemäß

den Kriterien der International Classifi-

cation of Headache Disorders teilgenom-

men. Alle Teilnehmer wurden zunächst

gebeten (ggf. mit Hilfe ihrer Eltern) einen

Monat lang Tagebuch über das Auftreten

von Kopfschmerzen zu führen.

Die Zahl der Kopfschmerztage vor Be-

ginn der medikamentösen Therapie lag

demnach bei durchschnittlich 11,4 Tagen.

Anschließend wurden die Patienten im

Verhältnis 2:2:1 einer von drei Gruppen

zugelost: Die erste erhielt Amitriptylin,

die zweite Topiramat und die dritte

Placebo in gleich aussehenden Kapseln,

jeweils zweimal täglich. Diese Therapie

sollte über 24Wochen fortgesetzt werden,

wobei auf eine achtwöchige Einschleich-

phase eine 16-wöchige Erhaltungsphase

folgte. Primärer Endpunkt der Studie war

die mindestens 50%ige Reduktion der

Kopfschmerztage im letzten Studien­

monat gegenüber dem Monat vor Thera-

piebeginn.

Schon die erste Interimsanalyse för-

derte jedoch klar den fehlenden Zusatz-

nutzen der Medikamente gegenüber Pla-

cebo zutage: Mit einer bedingten Test-

stärke von 16% von Amitriptylin gegen-

über Placebo und von 14% für Topiramat

versus Placebo wurde die vorab festge-

setzte Effektivitätsschwelle gegenüber

dem Scheinmedikament – sie lag bei

20% – in beiden Fällen deutlich

unterschritten. Auf Anraten des

Sicherheitsüberwachungsausschusses

wurde die Studie daraufhin gestoppt.

Den primären Endpunkt erreicht hat-

ten 52% in der Amitriptylin-, 55% in der

Topiramat- und 61% in der Placebo-

Gruppe. Die Unterschiede, sowohl des

jeweiligen Medikaments gegenüber Pla-

cebo als auch der Medikamente unterei-

nander, waren auch nach Herausrech-

nen von Altersunterschieden und Unter-

schieden in der ursprünglichen Zahl der

Kopfschmerztage nicht signifikant. Ge-

genüber dem Ausgangszeitraum hatte

sich die Zahl der Kopfschmerztage, be-

zogen auf den letzten Studienmonat, un-

ter Amitriptylin und Topiramat um je-

weils 6,7 Tage verringert, unter Placebo

um 5,9 Tage.

Der Einsatz der Medikamente hatte

den Kindern offenbar nicht nur nicht ge-

nutzt: Im Vergleich zu Placebo traten in

der Amitriptylin-Gruppe deutlich häu-

figer Fatigue und Mundtrockenheit auf,

in der Topiramat-Gruppe kam es signi-

fikant häufiger zu Parästhesien und Ge-

wichtsabnahme. Insgesamt zwölf Pati-

enten entwickelten schwere Nebenwir-

kungen: Unter Amitriptylin kam es in

drei Fällen zu Stimmungsschwankun-

gen, in einem Fall trat eine Synkope auf.

Ein mit Topiramat behandelter Patient

versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Allerdings zeigten sich im Child Depres-

sion Inventory keine nennenswerten

Unterschiede zwischen den Gruppen.

Fazit:

Die Bilanz der Studie fällt alles in

allem negativ aus: „Die Daten“, so Pow-

ers, „zeigen für keine der beiden Subs-

tanzen einen Vorteil im Nutzen-Risiko-

Profil“; dies gelte zumindest für die un-

tersuchte Spanne von zwei Monaten.

Erst kürzlich hat die US-Behörde FDA

Topiramat für Heranwachsende im Al-

ter zwischen 12 und 17 Jahren zugelas-

sen. Nach Powers und Kollegen wird

man sich jedoch in der Migräneprophy-

laxe bei Kindern möglicherweise um­

orientieren müssen. Vor allem die in der

Studie nachgewiesene hohe Ansprech­

rate auf Placebo sei etwas, das man viel-

leicht für zukünftige Strategien nutzen

könnte.

Dr. Elke Oberhofer

Powers SW et al. Trial of Amitriptyline, Topira-

mate, and Placebo for Pediatric Migraine. N Engl

J Med 2017;376(2):115–24.

Die gängige Mirgräne-

prophylaxe bei Erwach-

senen scheint bei Her-

anwachsenden nicht

zum Erfolg zu führen.

©© SergiyN / Fotolia

16

Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

Literatur kompakt