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Leidensverlängerung als Behandlungsfehler

Erstes Urteil gegen die Übertherapie am

Lebensende

In einem wegweisenden Urteil hat das Landgericht München I die PEG-

Sondenernährung eines Demenzbetroffenen erstmals als ärztlichen

Behandlungsfehler eingestuft. Trotz dieser Einstufung wurde kein

Schmerzensgeld zuerkannt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

D

ie Anlage einer PEG-Magenson-

de bei Demenzbetroffenen ist seit

Jahren Gegenstand kontroverser

Ansichten und rechtlicher Auseinander-

setzungen. Aktuell sieht die Deutsche

Gesellschaft für Geriatrie sie bei fortge-

schrittener Demenz als nicht indiziert

an und hat sie in der Initiative „Klug ent-

scheiden“ als „Übertherapie“ eingestuft

[1]. Eine orale Ernährungsunterstützung

für Demenzbetroffene ist hinsichtlich

der Ergebnisse Sterblichkeit, Aspirati-

onspneumonie, funktioneller Status und

Wohlbefinden mindestens so effektiv

wie eine Sondenernährung durch PEG.

Eine aktuelle Studie aus Italien [2] zeigt

nun sogar belegte Nachteile bei den

PEG-Versorgten: Sie sterben früher.

Anfang des Jahres hat das Landgericht

München I die Fortsetzung einer PEG-

Sondenernährung ohne Therapieziel

nun sogar als ärztlichen Behandlungs-

fehler eingestuft [3].

Der Fall

Der 82-jährige Patient stand wegen einer

Demenz seit 1997 unter Betreuung, seit

2006 lebte er in einem Pflegeheim. Bei

bereits fortgeschrittener Demenz wurde

ihm kurz darauf eine PEG-Magensonde

wegen Exsikkose und Mangelernährung

gelegt. Sein diesbezüglicher Wille konn-

te nicht ermittelt werden, ein Berufsbe-

treuer traf die Entscheidungen. Bereits

2003 war die Demenz so weit fortge-

schritten, dass eine mutistische Störung

diagnostiziert wurde, wegen Kontraktu-

ren konnte er sich kaum mehr bewegen,

2008 wurden ein Nackenrigor sowie eine

spastische Tetraparese festgestellt. Bis

auf fünf mussten alle Zähne gezogen

werden. Es traten Fieber, Atembeschwer-

den und Druckgeschwüre hinzu, auf-

grund des schlechten Zustandes wurde

bereits im Mai 2011 eine eigentlich ge-

plante operative Sanierung einer Chole-

zystitis mit Abszessen nicht vorgenom-

men. Im November 2011 starb der Pati-

ent im Rahmen einer Aspirationspneu-

monie. Dieser traurige Verlauf ist kein

Einzelfall. Wenn man Demenzbetroffe-

ne nur lange genug mit intensivmedizi-

nischen Verfahren (künstliche Ernäh-

rung, Beatmung, Herzersatz) am Ster-

ben hindert, ist regelhaft mit derartigen

Leidenszuständen zu rechnen (

Tab. 1

).

Wegen nicht indizierter künstlicher

Ernährung verklagte der Sohn, vertreten

durch den Mitautor dieses Berichts,

Rechtsanwalt Wolfgang Putz, den Haus-

arzt. Das Gericht sieht übereinstim-

mend mit dem klagenden Sohn einen

Behandlungsfehler darin, die künstliche

Ernährung mittels PEG ohne Behand-

lungsziel fortgesetzt zu haben. Der

Hausarzt sei ab Anfang 2010 verpflichtet

gewesen den Betreuer darüber in Kennt-

nis zu setzen, dass ein über die reine Le-

benserhaltung hinausgehendes Thera-

pieziel nicht mehr zu erreichen war. Vor

Bei einer fortgeschrittenen Demenz

muss die Indikation für eine PEG-Sondenernährung besonders genau

geprüft werden.

©© F. Schoening / Fotolia

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Schmerzmedizin 2017; 33 (3)

Medizin aktuell