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Schadet langfristige Opioidgabe mehr als sie

nützt?

Schmerzen reduzieren, Alltagsfunktion verbessern – diese Ziele der Schmerz-

therapie gelten auch für die Behandlung von Patienten mit neuropathischen

Schmerzen. Mit langzeitiger Opioidtherapie werden sie offenbar verfehlt.

W

ie sich die langzeitige Behandlung

mit Opioiden auf den funktionel-

len Status, unerwünschte Begleitsymp-

tome und die Mortalität von Patienten

mit Polyneuropathie auswirkt, hat eine

Arbeitsgruppe um den Neurologen

MatthewHoffman von der Mayo-Klinik

in Rochester zu ergründen versucht. Für

ihre retrospektive Studie analysierten

die Forscher Daten des Rochester Epide-

miology Project. Beteiligt waren fast

2.900 ambulante Patienten mit Polyneu-

ropathie und rund 14.400 nach Alter

und Geschlecht passende Kontrollperso-

nen. Der Studienzeitraum umfasste die

Jahre 2006 bis 2016.

Eine langfristige Opioidtherapie über

mindestens 90 Tage fand sich bei 18,8%

der Neuropathiepatienten und bei 5,4%

der Kontrollen. Patienten, die länger

Opioide eingenommen hatten, schnitten

in einer Reihe von Markern schlechter

ab als jene 50,6% der Patienten mit le-

diglich kurzfristigem Opioideinsatz,

und zwar auch nach Abgleich gegen et-

waige Begleitkrankheiten. 71,5% der

lang- und 42,3% der kurzzeitig mit Opi-

oiden Behandelten hatten am Ende der

Studie immer noch Schmerzen (adjus-

tierte Odds Ratio [aOR] 2,5). Die lange

mit Opioiden Therapierten berichteten

auch von mehr Problemen im Alltag: Es

fiel ihnen schwerer, Treppen zu steigen

(82,0% vs. 63,1%; aOR 1,7), sie benötig-

ten öfter Gehhilfen (61,2% vs. 39,5%;

aOR 1,9) und waren häufiger arbeitsun-

fähig (11,8% vs. 6,7%; aOR 1,3).

Funktion nirgendwo verbessert

In keinem der untersuchten funktionel-

len Parameter bewirkte die lange Opio-

idgabe eine Verbesserung. Dafür waren

63% dieser Patienten depressiv, vergli-

chen mit 43,6% der kurz behandelten

(aOR 1,5). Eine Opioidabhängigkeit be-

stand bei 7,2% vs. 0,3% (aOR 2,9). Über-

dosiert waren die Opioide bei 2,6% vs.

0,3% (aOR 5,1). Auf die Mortalität hatte

die Dauer der Behandlung mit Opioiden

keinen signifikanten Einfluss.

Der häufigste Grund für die langfris-

tige Opioidverschreibung waren nicht

neuropathische, sondern muskuloskele-

tale Schmerzen (52,5%). Polyneuropa-

thie war bei 24,0% als Anlass dokumen-

tiert. 82,7% aller Langzeitverordnungen

standen auf Rezepten von Internisten

und Hausärzten. Auf Schmerzspezialis-

ten gingen 3,7% der Verschreibungen

zurück, obwohl mehr als ein Viertel der

Patienten mit Polyneuropathie unter

Langzeittherapie mit Opioiden bei ei-

nem solchen Arzt in Behandlung war.

Fazit der Autoren:

„Eine Polyneuro­

pathie erhöht die Wahrscheinlichkeit,

dass die Patienten langzeitig Opioide er-

halten“, resümieren Hoffman und Kol-

legen. Zwar sei nicht auszuschließen,

dass der schlechtere funktionelle Zu-

stand der Patienten unter Langzeitopio-

iden zumindest teilweise auf die chroni-

schen Schmerzen selbst zurückgehe, so

die Wissenschaftler weiter. Jedenfalls

aber habe die langzeitige Opioidgabe die

Situation nicht verbessert und dazu

noch das Risiko für Abhängigkeit und

Überdosierung erhöht.

Dr. Robert Bublak

Hoffman EM et al. Association of long-term opi-

oid therapy with functional status, adverse out-

comes, and mortality among patients with po-

lyneuropathy. JAMA Neurol 2017; online 22. Mai

2017

Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

www.mindbodymedicine.de

31.8. -3.9.2017

|

T

0201-17425512

Lehrstuhl für Naturheilkunde

und Integrative Medizin

Schwerpunktthema ab Samstag:

Schmerzerkrankungen und MBM

Offen

im Denken

12. Mind-Body Medicine

Summer School 2017