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Elektrik hilft gegen Rückenschmerzen

Eine Kombination aus transkranieller Gleichstromstimulation und einer

peripheren Elektrostimulation lindert die Beschwerden von Patienten mit

Rückenschmerzen.

S

pezialisten für physikalische Thera-

pie, angeführt von Fuad Hazime von

der Universität Piauí in Parnaíba, haben

in einer Studie den Effekt von transkra-

nieller Gleichstromstimulation (TGSS)

und einer peripheren Elektrostimulati-

on (PES) auf das Beschwerdebild bei

chronischen Rückenschmerzen unter-

sucht. Die theoretische Grundlage dafür

lieferten ihnen vorangegangene Befun-

de, wonach chronisches Kreuzweh zu

plastischen Veränderungen im Gehirn

führt, die sich durch Neuromodulation

modifizieren lassen.

92 Patienten waren beteiligt. Sie wur-

den nach dem Zufall in vier Gruppen

aufgeteilt. Gruppe 1 erhielt zwölf Sitzun-

gen einer anodalen TGSS, wofür am

Kopf über den Punkten C3 oder C4 im

10-20-System der Elektroenzephalogra-

fie (jeweils kontralateral zur Seite des

Schmerzes) die Anode und ipsilateral

zum Schmerz supraorbital die Kathode

befestigt wurde. 20 Minuten lang floss

dann ein Strom von 2 mA. Gruppe 2 be-

kam eine PES über vier Elektroden, bi-

lateral parallel im Lumbalsegment mit

der größten Schmerzintensität, in Puls-

frequenz von 100 Hz und mit einer Puls-

dauer von 200 µs, über 40 Minuten hin-

weg. Gruppe 3 wurde sowohl die TGSS

wie die PES zuteil, und Gruppe 4 erhielt

Scheinbehandlungen (gleiche Anwen-

dungen, aber nur über eine Dauer von 30

Sekunden).

TGSS allein bringt zu wenig

Den Ausgangswert der Schmerzen hat-

ten die Patienten vor Beginn der Elek­

trotherapie auf einer Skala von 0 bis 10

(stärkste Schmerzen) zwischen 6 und 7

verortet. Die Kombination von TGSS

und PES reduzierte die Schmerzintensi-

tät um median 2,6 Punkte, die PES um

2,2 Punkte. Die Schwelle für einen kli-

nisch bedeutsamen Effekt liegt bei einer

Veränderung von zwei Punkten. Diese

Schwelle konnte mit der TGSS allein

ebenso wenig überwunden werden wie

mit der Placebotherapie.

Ein bis zu drei Monate anhaltender Ef-

fekt war nur mit der Kombination aus

TGSS und PES zu erzielen. Keine der Be-

handlungsformen hatte einen Einfluss

auf den Grad der Behinderung oder auf

die affektiven Aspekte der Schmerzbe-

schwerden.

Fazit der Autoren:

In der Bilanz ihrer

Studie schreiben Hazime und Kollegen,

PES allein oder in Kombination mit

TGSS sei akut und auf kurze Sicht effek-

tiv gegen die Schmerzen von Patienten

mit chronischen unspezifischen lumba-

len Rückenschmerzen. Auf mittlere

Sicht hätte aber nur die Kombinations-

behandlung einen klinisch relevanten

Nutzen. Die beiden neuromodulatori-

schen Techniken wirkten womöglich sy-

nergistisch, so die Forscher, und weiter:

„Die alleinige Anwendung von TGSS ge-

gen Kreuzweh wird durch unsere Befun-

de nicht gestützt.“

Dr. Robert Bublak

Hazime FA et al. Treating low back pain with

combined cerebral and peripheral electrical sti-

mulation: A randomized, double-blind, factorial

clinical trial. Eur J Pain 2017; online 25. April

Tumorschmerz: Bei jedem Fünften neuropathisch

Unter ambulant versorgten Krebspatienten hat fast jeder dritte chronische

Tumorschmerzen. Bei jedem fünften Schmerzpatienten handelt es sich um

neuropathische Schmerzen mit verstärkter Intensität, wie aus einer französi-

schen Studie hervorgeht.

B

isherige Schätzungen zur Häufigkeit

neuropathischer Schmerzen bei Pati-

enten mit chronischen Tumorschmer-

zen beruhen auf Studien mit stationär

behandelten Patienten in speziellen Ein-

richtungen wie Schmerz- und Palliativ-

kliniken. Nach Ansicht von Dr. Didier

Bouhassira vom Gesundheitsinstitut

INSERM in Boulogne-Billancourt in

Frankreich und seinen Kollegen sind

Untersuchungen ambulanter Tumor-

schmerzpatienten repräsentativer.

Deshalb haben sie den Anteil der

Krebspatienten

mit

chronischen

Schmerzen mit oder ohne neuropathi-

sche Schmerzen ermittelt, die in einem

Zeitraum von zwei Wochen (zehn Ar-

beitstagen) die ambulante Abteilung ei-

ner Spezialklinik aufsuchten. Als chro-

nisch waren Schmerzen definiert, wenn

sie mindestens drei Monate anhielten.

Neuropathische Schmerzen wurden

mithilfe des DN4-Scores (Douleur Neu-

ropathique en 4 Questions) ermittelt.

Darüber hinaus bestimmten die Ärzte

prospektiv die Inzidenz chronischer

Schmerzen mit oder ohne neuropathi-

sche Schmerzen.

Eingebunden waren insgesamt zwölf

Einrichtungen unter 20 Krebszentren

und 25 onkologischen Abteilungen in

Frankreich. Insgesamt 1.805 Patienten

nahmen an der Studie teil. Patienten, die

zum Zeitpunkt der ersten Untersuchung

keine Schmerzen hatten, wurden zur Er-

mittlung der Inzidenz nach drei und

sechs Monaten erneut untersucht.

Neuropathische Schmerzen sind

besonders quälend

Der Auswertung der Studiendaten zufol-

ge hatten 28,2% der Studienteilnehmer

chronische Schmerzen. Bei 47,6% der

Patienten vermuteten die Ärzte den Tu-

mor als Schmerzursache, bei 23,7% die

Krebstherapie und bei 23,5% eine tu-

morunabhängige Ursache. Fast jeder

zweite Patient (48,7%) klagte über

Schmerzen im Rücken, 45,6% über

Schmerzen in Hals und Schultern,

43,6% in den Beinen und 36,6% in den

Armen. Die Prävalenz neuropathischer

Schmerzen lag — ermittelt mithilfe des

Literatur kompakt



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Schmerzmedizin 2017; 33 (4)