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©© Mehmet Dilsiz / Fotolia.com

In der Rubrik „Literatur

kompakt“ werden die

wichtigsten Originalarbeiten

aus der internationalen

Fachliteratur referiert.

Kreuzschmerz: Die meisten Pillen nützen wenig

Paracetamol ist nicht mehr zu empfehlen, Duloxetin führt zu einer geringen

Schmerzlinderung und die Wirkung von NSAR wird überschätzt – das sind die

wichtigsten Resultate eines Studien-Updates zu Kreuzschmerzen.

N

ach zehn Jahren hat das American

College of Physicians (ACP) seine

Praxisleitlinie zur Therapie bei Schmer-

zen im unteren Rückenbereich überar-

beitet. Dabei werden primär nicht medi-

kamentöse Maßnahmen empfohlen,

nicht zuletzt, weil die Evidenz für Arz-

neien recht dünn ist. Deutlich wurde

dies anhand einer aktualisierten Analy-

se, die Ärzte umDr. Roger Chou von der

Universität in Portland im Auftrag des

ACP erstellt haben. Dazu haben sie 46

Publikationen ausgewertet, zum großen

Teil Metaanalysen, aber auch neue Stu-

dien. Insgesamt flossen knapp 200 Stu-

dien in die Analyse ein. Die wichtigsten

Resultate:

NSAR:

Rund 70 Studien drehten sich um

den Nutzen einer Schmerztherapie mit

nicht steroidalen Antirheumatika. In

vier neueren Studien schnitten solche

Substanzen bei akuten Rückenschmer-

zen geringfügig besser ab als Placebo (8

Punkte Differenz auf einer 100-Punkte-

Schmerz-Analogskala), drei Studien er-

gaben jedoch keine signifikanten Unter-

schiede. Bei chronischen Schmerzen

fand ein Review zu vier Studien immer-

hin einen knapp moderaten Effekt (12

Punkte Differenz zu Placebo), zwei Stu-

dien offenbarten wiederum keine signi-

fikanten Unterschiede. Auch bei Patien-

ten mit Radikulopathie waren die Studi-

en eher inkonsistent. Das Urteil der Au-

toren: Vor allem bei chronischen

Rückenschmerzen ergeben neuere Stu-

dien einen geringeren Nutzen als ältere.

Die Schmerzlinderung wird hier wohl

überschätzt. Dagegen gab es in allen Stu-

dien signifikant häufiger Nebenwirkun-

gen als unter Placebo.

Paracetamol:

Noch schlechter sieht die

Evidenz für diesenWirkstoff aus. Hatten

die alten ACP-Leitlinien bei akuten Rü-

ckenschmerzen noch einen vergleichba-

ren Nutzen wie unter NSAR gesehen, so

wird dieser durch eine große, qualitativ

hochwertige placebokontrollierte Studie

infrage gestellt. Dabei schnitt die Arznei

nicht besser ab als Placebo. Zu chroni-

schen oder radikulären Schmerzen gibt

es keine Daten; das Team umChou sieht

daher für Paracetamol keine belegte

Wirksamkeit.

Muskelrelaxanzien:

Zur kurzfristigen

Therapie (zwei bis sieben Tage) von Pati-

enten mit akutem Schmerz fand ein äl-

terer Review mit 25 Studien einen mo-

deraten bis ausgeprägten Nutzen (20

Punkte Differenz zu Placebo). Drei neu-

ere Studien konnten dies im Wesentli-

chen bestätigen. Gegen chronische

Schmerzen scheinen solche Arzneien je-

doch wenig zu bringen, legen drei klei-

nere Untersuchungen nahe. Auch hier

traten Nebenwirkungen konsistent häu-

figer auf als unter Placebo, vor allem die

Sedierung machte den Patienten zu

schaffen.

Benzodiazepine:

Für Tetrazepam deu-

tet sich eine gewisse Wirksamkeit bei

chronischen, nicht radikulären Schmer-

zen an, ansonsten liefern die neun Stu-

dien zu dieser Wirkstoffklasse eher wi-

dersprüchliche Resultate, die einzige

neue Studie fand keine Wirksamkeit von

Diazepam bei akuter Radikulopathie.

Ein Nachteil sind auch hier die zentral-

nervösen Nebenwirkungen.

Opioide:

38 Studien prüften diese Subs-

tanzklasse, und zwar fast ausschließlich

bei chronischen Rückenschmerzen.

Recht konsistent schnitten Opioide bei

einer kurzfristigen Therapie besser ab

als Placebo, allerdings war der Unter-

schied eher gering (weniger als 10 Punk-

te auf einer 100-Punkte-Skala), auch

hatten die meisten Studien gravierende

methodische Schwächen. Zudem wur-

den oft nur akute Nebenwirkungen wie

Benommenheit und Übelkeit berück-

sichtigt, nicht aber die Gefahr einer Ab-

hängigkeit und Überdosierung, bemän-

geln Chou und Mitarbeiter.

Antidepressiva:

Diese wurden in 16 Stu-

dien ausschließlich bei chronischem Rü-

ckenschmerz untersucht. Für Trizyklika

und SSRI ergaben sich dabei keine Vor-

teile gegenüber Placebo, drei neuere Un-

tersuchungen zu Duloxetin deuten auf

einen geringen Vorteil (weniger als 6–8

Punkte Differenz), auch fand sich zum

Teil eine geringe funktionelle Verbesse-

rung. Eine kleine Studie mit 85 Patien-

ten erkannte hingegen keinen Unter-

schied zwischen Duloxetin und Escital-

opram.

Antikonvulsiva:

Das Team um Chou

fand zwölf Studien, ebenfalls alle bei Pa-

Literatur kompakt



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Schmerzmedizin 2017; 33 (3)