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Nebenwirkungen und

Kontraindikationen

Neben der klassischen Körperakupunk-

tur haben sich Ende des vergangenen

Jahrhunderts die Ohrakupunktur mit

Einmal- oder Dauernadeln, aber auch

die koreanische Hand-, Schädel- und

Fußakupunktur etabliert. Während die

klassische Körperakupunktur vomAku-

punkteur ein umfangreiches Wissen er-

fordert, wurden bei den sogenannten

Somatotypien wie der Ohrakupunktur

definitiv zu nadelnde Punkte mit ent-

sprechendem Funktions- oder Organbe-

zug definiert. Damit sind diese Verfah-

ren deutlich einfacher zu erlernen und

durchzuführen.

Die Weltgesundheitsorganisation ver-

öffentlichte 2002 eine Indikationsliste

für die Akupunktur [2, 3], wobei der

Akutschmerz darin nicht explizit ge-

nannt wird, sich aber in einzelnen Berei-

chen (Geburt, Zahnextraktion) ableiten

lässt (

Tab. 1

).

Die Akupunkturbehandlung darf

nicht als nebenwirkungsfrei beschrieben

werden – typische Nebenwirkungen

sind die Ausbildung eines Hämatoms an

der Einstichstelle, Entzündungen am

Punktionsort vor allem durch Dauer­

nadeln mit möglicher Entzündung im

bradytrophen Gewebe (cave: Ohrknor-

pel), Schwindelsymptomatik, Taubheits-

gefühl oder Granulombildung nach der

Verwendung silikonisierter Nadeln. In

der internationalen Literatur sind unter

Akupunktur nur sehr wenige Todesfälle

beschrieben worden, wobei etwa die

Organverletzung bei einem Pneumotho-

rax mit seinen Folgen nicht als Neben-

wirkung, sondern als Behandlungsfehler

und Folge unsachgemäßen Setzens der

Nadeln gewertet werden muss. Zu

Kontraindikationen einer Akupunktur­

behandlung zählen unter anderem Epi-

lepsie, Nervenerkrankungen sowie Sen-

sibilitätsstörungen der Haut (

Tab. 2

).

Weniger Schmerzmittel

Die weltweit größte Akupunkturstudie

bei chronischem Schmerz (GERAC-Stu-

die) wurde in den Jahren 2002 bis 2007

in Deutschland durchgeführt und unter-

suchte die Indikationen chronischer

Kreuzschmerz, chronischer Schmerz bei

Kniearthrose, chronischer Spannungs-

kopfschmerz undMigräne. Hier wurden

circa 3.500 Patienten im jeweils dreiar-

migen Studienansatz – Akupunktur ge-

mäß chinesischer Körperakupunktur

(Verum), Scheinakupunktur an „nicht-

chinesischen“ Punkten (Sham) und die

konventionelleTherapie – behandelt. Die

Überlegenheit der Akupunktur zwischen

Verum und Sham konnte in keiner Stu-

die gezeigt werden. Positive Wirkhinwei-

se hinsichtlich der Überlegenheit gegen-

über der konventionellen Behandlung

waren jedoch vorhanden. Diese Ergeb-

nisse decken sich mit denen weiterer

deutscher Studien im Rahmen des

„Modellvorhabens Akupunktur“ [4, 5].

Die Anzahl der Untersuchungen zur

Ohrakupunktur bei akuten postoperati-

ven Schmerzen nimmt zu. Dabei liegen

inzwischen auch Metaanalysen vor, die

Hinweise auf die Einsparung von An-

algetika, aber auch auf einen positiven

Einfluss auf das Auftreten von Neben-

wirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder

Angst beschreiben [6, 7, 8, 9, 10, 11, 12,

13]. Die Arbeitsgruppe um Ulischenko

beschäftigte sich in Deutschland mehr-

fach mit der Wirkung der Ohrakupunk-

tur im Rahmen des perioperativen Ma-

nagements. Diese Akupunkturmethode

wurde wegen des einfachen Zugangs

und der Einfachheit für die Anwender

durch die definierten Punkte mit der

Möglichkeit des Setzens von Dauer­

nadeln gewählt. Wetzel und Kollegen

zeigten 2011 eine 20%ige Einsparung

von Fentanyl im Rahmen der Allgemei-

nanästhesie bei Implantationen von

Hüftendoprothesen sowie des postope-

rativen Bedarfs an Opioiden und NSAR

[14, 15]. Auch nach ambulanten Opera-

tionen am Knie war eine postoperative

Einsparung von Ibuprofen festzustellen

[16].

In der 2009 publizierten S3-Leitlinie

zur Behandlung akuter und posttrauma-

tischer Schmerzen wird die Verwendung

von Akupunktur als adjuvante Therapie­

maßnahme in der Akutschmerztherapie

allerdings nicht empfohlen, was mit der

Heterogenität der vorhandenen Studien

begründet wurde [17]. Auf diese metho-

dischen Unzulänglichkeiten verwies

auch Ulischenko in seinem Review 2008

[12]. In der Metaanalyse von Yeh aus dem

Jahr 2014 wird allerdings auf deutlich

breiterer Literaturbasis die Wahrschein-

lichkeit der Wirksamkeit der Ohraku-

punktur im Rahmen der postoperativen

Schmerztherapie konstatiert [13]. Auch

bei oralchirurgischen Eingriffen wurde

die Wirksamkeit von Ohrakupunktur

mit positiven Effekten in Verbindung ge-

bracht [7, 10]. In einer randomisierten ei-

genen Untersuchung mit 100 Patienten

in der Zahnheilkunde (Extraktionen ei-

nes Backenzahnes) konnte eine signifi-

kante Reduktion der postoperativ einge-

nommenen Analgetika, vor allen Dingen

aber eine effektive Reduktion der Angst

vor und unmittelbar nach dem Eingriff

der Patienten belegt werden.

Fazit für die Praxis

Hinweise für den positiven Einfluss der

Ohrakupunktur auf das perioperative

Befinden (Schmerz, Angst, Übelkeit, Er-

brechen) scheinen gegeben, ohne dass

eine abschließende sichere Beurteilung

möglich ist. Die Anwendung von Aku-

Tab. 1: WHO-Indikationsliste für

Akupunktur

Erkrankungen des Atemsystems

Gastrointestinale Störungen

Schlafstörungen

Bronchialasthma

Heuschnupfen

Neurologische Störungen

Augenerkrankungen

Akupunktur bei Schwangerschaft

Muskuloskelettale Erkrankungen

Erkrankungen im Mundbereich

Tab. 2: Kontraindikationen für

Akupunktur

Störungen des Gerinnungssystems

einschließlich der Vorbehandlung mit oralen

Antikoagulanzien

Hauterkrankungen an zu nadelnden Arealen

Epilepsie

Kollapsneigung

Nervenerkrankungen

Sensibilitätsstörungen der Haut

Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

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