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gesellschaftmit 0,15% berechnet. Daraus

resultieren für Deutschland etwa 120.000

Betroffene [2]. Der Clusterkopfschmerz

ist der häufigste trigeminoautonome

Kopfschmerz (TAK), zu dem auch das

sehr seltene SUNCT-Syndrom („Short-

lasting Unilateral Neuralgiform head­

ache with Conjunctival injection and

Tearing“) und die paroxysmale Hemicra-

nie (PH) gerechnet werden.

Für TAK sind anfallsartige extrem

starke, einseitige Kopf- oder Gesichts-

schmerzen mit autonomen Begleitsym-

ptomen charakteristisch. Es kommt

regelhaft zum ipsilateralen Tränen der

Augen, konjunktivaler Irritation, Rhi-

norrhö oder -kongestion und einem

Horner-Syndrom

(Ptosis,

Miosis,

Enophthalmus). Typisch – und ein wich-

tiger differenzialdiagnostischer Unter-

schied zur Migräne – ist eine ausgepräg-

te psychomotorische Unruhe: Die Pati-

enten laufen umher, bewegen sich rhyth-

misch oder krabbeln sogar „auf allen

Vieren“ auf dem Boden. Unbehandelt

dauern die Clusterattacken meist bis cir-

ca 45 Miunten, während SUNCT und

PH deutlich kürzer sind [3].

Pathophysiologie

Unklar ist nach wie vor die Pathophysio-

logie der TAK. Ursache der zirkadianen

und zirkannualen Rhythmik der meist

episodisch auftretenden Clusterattacken

ist vermutlich eine zentrale Dysregulati-

on im Bereich des posterioren Hypotha-

lamus. Man nimmt an, dass die Fehl-

funktion des Hypothalamus die Attacken

auslöst, der Schmerz selbst aber durch die

Aktivierung parasympathischer und tri-

geminaler Kerngebiete unterhalten wird

[4, 5]. Die ursprüngliche neurovaskuläre

Hypothese eines inflammatorischen

Prozesses am Sinus cavernosus konnte

weder durch bildgebende Verfahren

noch durch Analyse von Neurotransmit-

tern bestätigt werden. Das Ganglion

sphenopalatinum (SPG) wird als Gene-

rator trigeminoautonomer Phänomene

wie Lakrimation, Rhinorrhö und kon-

junktivale Injektion gesehen [6, 7].

Definition

Bei Clusterkopfschmerzen ist der Begriff

„chronisch“ anders als etwa bei Migräne

und Spannungskopfschmerz definiert:

Wenn Clusterkopfschmerzen über min-

destens ein Jahr bestehen oder wenn die

Pausen zwischen den Clusterepisoden in-

nerhalb eines Jahres kürzer als vier Wo-

chen sind, spricht man von einem chro-

nischen, sonst von einem episodischen

Clusterkopfschmerz. Problematisch ist

die noch immer lange Latenz bis zur kor-

rekten Diagnosestellung, die in Deutsch-

land meist mehrere Jahre beträgt.

Konservative Therapieempfehlung

Einmal diagnostiziert, können die meis-

ten Patienten mit der Inhalation von Sau-

erstoff und nasal oder subkutan appli-

zierten Triptanen gut behandelt werden,

wobei beim Sauerstoff auf eine ausrei-

chende Flussgeschwindigkeit, appliziert

über eine adäquate Gesichtsmaske, zu

achten ist [8]. Während der Episoden ist

eine medikamentöse Prophylaxe mit Ver-

apamil in ausreichend hoher Dosis oft

suffizient, nicht selten müssen 720 mg/d

gegeben werden. Als Therapie der zwei-

ten Wahl stehen unter anderem Topira-

mat und Lithium zur Verfügung (

Tab. 1

).

Indikation SPG-Stimulation

Für etwa 10–15% aller Patientenmit Clus-

terkopfschmerzen ist der Erfolg der kon-

servativen Therapie unbefriedigend: Sei

es, weil kein oder ein nur unbefriedigen-

der therapeutischer Effekt eintritt, die

akute oder präventive Medikation nicht

vertragen wird oder kontraindiziert ist,

oder weil die Kopfschmerzen erhebliche

psychosoziale Einschränkungen verursa-

chen [9]. Für diese Patienten kommen

neuromodulatorische Verfahren infrage

[10]. Vergleichsweise gute Ergebnisse wur-

den mit der Stimulation des SPG erzielt.

Die Indikation zur SPG-Stimulation

muss von einem Neurologen bezie-

hungsweise Schmerztherapeuten über-

prüft werden, der auf Diagnostik und

Therapie von Clusterkopfschmerzen spe-

zialisiert ist. Ein klinischer Indikations-

pfad wurde am Rot Kreuz Krankenhaus

Kassel entwickelt, basierend auf den Er-

Tab. 1: Konservative Therapie der Clusterkopfschmerzattacken (nach [8])

Name

Wirkung/Bemerkung

Dosierung

Sauerstoff

bei frühzeitiger Anwendung effektive und schnell wirk­

same Intervention zur Attackenkupierung

ist vorbeugend wirksam

Wirkung zu Attackenbeginn am größten

Erfolg unter anderem vom Alter des Patienten abhängig,

insgesamt etwa 60–80%

Vorteil nicht vorhandener Kontraindikationen (außer

COPD), besonders bei kardiovaskulären Risikofaktoren

tragbarer Sauerstoff ist in Sanitätsfachgeschäften erhält­

lich

> 8–15 Liter 100%igen

Sauerstoff über 15–20

Minuten über non-rebreather Gesichts­

maske

Lidocain

Erfolg etwa 25–30% ebenfalls innerhalb weniger

Minuten

Ausschaltung der peripheren (parasympathischen) End­

strecke der Clusterkopfschmerz-Symptome durch

Nervenblockade

Versuch vor allem für Patienten mit Kontraindikation für

Triptane

1 ml 4–10%igen Lido­

cain-Lösung in das

ipsilaterale Nasenloch

bei 45 Grad nach hin­

ten rekliniertem und

30–40 Grad zur ipsi­

lateralen Seite geneig­

tem Kopf

Sumatriptan

medizinisches Mittel der ersten Wahl zur Attackenkupie­

rung

in > 75% der Patienten innerhalb von 5–20 Minuten

sicher Beschwerdefreiheit

orale Medikationen wirken zu spät (meist erst nach der

Attacke)

in Langzeitstudien keine nachlassende Wirksamkeit bei

häufiger Gabe

unproblematisch in Kombination mit Lithium, Kortikoi­

den oder Kalziumantagonisten

6 mg subkutan mit

Autoinjektor, bei Sprit­

zenphobie oder star­

ken Nebenwirkungen,

20 mg als Nasenspray

möglich

Zolmitriptan

derzeit zwei Studien zur Wirksamkeit

5 mg als Nasenspray

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Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

For tbildung

Clusterkopfschmerz