Previous Page  27 / 46 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 27 / 46 Next Page
Page Background

wurden parenteral ernährt, 10 davon bei Darmverschluss. Über

einen Vorteil der parenteralen Ernährung wird nicht berichtet,

lediglich von einem „erwarteten Benefit“ oder „Ernährungsge­

wohnheiten“ [18].

Ohne jegliche Evidenz wird dagegen die parenterale Ernäh­

rung auch sonst sowohl von der deutschen [13] als auch von der

aktuellen europäischen Leitlinie [14] empfohlen. Dies ist schon

aus ethischen Gesichtspunkten bedenklich: So sind doch bei

unklaremNutzen und erwartbarem Schaden auch Aspekte der

Gerechtigkeit bei einem solch hochpreisigen Verfahren beach­

tenswert. Hier lohnt sich ein Blick in die Interessenkonflikte

der Leitlinien. Während in der europäischen Leitlinie 25 Inte­

ressenkonflikte bei 22 Autoren angegeben werden, heißt es in

der unabhängigen Bewertung der deutschen Leitlinie (www.

leitlinienwatch.de

): „Diese Leitlinie zeigt mehrere Schwächen

im Umgang mit Interessenkonflikten. Der Anteil an Autoren

mit Interessenkonflikten ist hoch, gleichzeitig sind kaum An­

strengungen zur Verringerung ihres möglichen Einflusses er­

kennbar.“

Fazit für die Praxis

Mangelernährung ist ein „Dauerbrenner“ in der Palliativversor­

gung. Beschwerden sind konsequent zu behandeln, eine Poly­

medikation zu reduzieren. Viele Allgemeinmaßnahmen bei den

Patienten sind hilfreich. Medikamentöse Maßnahmen helfen oft

nur marginal, allenfalls niedrigdosiertes Dexamethason (20

Tage 2–4 mg morgens) und Lachsölkapseln aus der Drogerie.

Die Ernährung sollte fett- und eiweißreich sein, dies kann durch

Ergänzung mittels Sahne, Cremes und Butter geschehen, hilf­

reich sind aber auch geschmacksneutrale, proteinreiche Nah­

rungssupplemente. Oft wird die zusätzliche Verordnung von

Trink- oder Zusatznahrung nach den Geschmacksvorlieben des

Patienten unumgänglich sein. Es ist in der palliativen Situation

sinnvoller, das lustvolle „Noch-Essen“ zu fördern, als den Pati­

enten ständig zu drängen, mehr zu Essen oder „Kalorienziele

und Trinkmengen“ zu erfüllen. Künstliche Ernährung dürfte

bei intaktem Speiseweg nur selten wirklich indiziert sein, stets

sollte eine individuelle Entscheidung getroffen werden, bei der

die medizinische Indikation zu berücksichtigen ist. Zu beach­

ten ist das Zitat von Cicely Saunders: „Menschen sterben nicht,

weil sie nicht essen, sondern sie essen nicht, weil sie sterben“.

Dr. med. Matthias Thöns

Facharzt für Anästhesiologie, Notfall-, Schmerz-

und Palliativmedizin

Palliativnetz Witten e.V.

Wiesenstraße 14, 58452 Witten

thoens@web.de

Dr. med. Boris Hait

Facharzt für Anästhesiologie, Intensiv- und Not-

fallmedizin, Palliativmedizin

Leitender Oberarzt Palliativmedizin

Palliativzentrum Unna

Katharinen-Hospital GmbH

Obere Husemannstr. 2, 59423 Unna

Literatur

1.

Faber G et al. Krebs und Ernährung. Der Onkologe 2011;(17):906–12

2.

Löser C. Unter- und Mangelernährung. Thieme, Stuttgart, 2011

3.

Pirlich M et al. The German hospital malnutrition study. Clin Nutr

2006;25(4):563–72

4.

van Oorschot B, Ruellan A, Lordick F. Arbeitsgemeinschaft Palliativme-

dizin der Deutschen Krebsgesellschaft (APM). Choosing wisely – Klug

entscheiden bei Tumorpatienten. Forum 2016;(31):237–40

5.

Baumann F, Jäger W, Bloch E. Sport und körperliche Aktivität in der On-

kologie. Springer, Berlin Heidelberg New York; 2012

6.

Volkert D et al. ESPEN Guidelines on Enteral Nutrition: Geriatrics. Clin

Nutr 2006;25(2):330–60

7.

Ries A et al. A systematic review on the role of fish oil for the treatment

of cachexia in advanced cancer: An EPCRC cachexia guidelines project.

Palliat Med 2012;26(4):294–304

8.

Vastag B. Nutrients for Prevention: Negative Trials Send Researchers

Back to Drawing Board. J Natl Cancer Inst. 2009;101(7):446–8, 451

9.

Dall’Olio G. Epidemia di colera asiatico del 1886 a Venezia. Esperienze

di cura con l’ipodermoclisi. RIMeL IJLaM. 2009;5:227–32; http://www.

sipmel.it/it/riviste/articolopdf.php/102086

10. Zaloga GP et al. Safety and efficacy of subcutaneous parenteral nutriti-

on in older patients: a prospective randomized multicenter clinical tri-

al. JPEN J Parenter Enteral Nutr 2016 Feb 17

11. Caccialanza R et al. Subcutaneous Infusion of Fluids for Hydration or

Nutrition: A Review. JPEN J Parenter Enteral Nutr 2016 Nov 2.

12. Ker K et al. Comparison of routes for achieving parenteral access with a

focus on the management of patients with Ebola virus disease.

Cochrane Database Syst Rev 2015;(2):CD011386

13. Arends J et al. S3 Leitlinie: Klinische Ernährung in der Onkologie. Aktu-

el Ernahrungsmed 2015;40:e1–e74

14. Arends J et al. ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clin

Nutr 2017;36(1):11–48

15. Gogol M. Klug entscheiden: . . . in der Geriatrie. Dtsch Arztebl 2016;

113(40): A-1756/B-1481/C-1473

16. Thöns, M, Sitte T: Repetitorium Palliativmedizin. 2. Aufl. Springer-Verlag

Berlin Heidelberg, 2016

17. Bozzetti F, Mori V. Nutritional support and tumour growth in humans: a

narrative review of the literature. Clin Nutr 2009;28(3):226–30

18. Mercadante S et al. Frequency and Indications of Parenteral Nutrition

in an Acute Palliative Care. Nutr Cancer 2015;67(6):1010–3

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass sie sich bei der Erstellung des Beitrages von

keinen wirtschaftlichen Interessen leiten ließen und dass keine poten-

ziellen Interessenkonflikte vorliegen. B. Hait erklärt Vortragstätigkeit

für Prostrakan und Mundipharma. Der Verlag erklärt, dass die inhaltli-

che Qualität des Beitrags von zwei unabhängigen Gutachtern geprüft

wurde. Werbung in dieser Zeitschriftenausgabe hat keinen Bezug zur

CME-Fortbildung. Der Verlag garantiert, dass die CME-Fortbildung so-

wie die CME-Fragen frei sind von werblichen Aussagen und keinerlei

Produktempfehlungen enthalten. Dies gilt insbesondere für Präparate,

die zur Therapie des dargestellten Krankheitsbildes geeignet sind.

Zer tif izier te For tbildung

Mangelernährung

32

Schmerzmedizin 2017; 33 (3)