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Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

31

techniken. Parallel zu Herbert Benson

entwarf der Stressforscher Jon Kabat-

Zinn sein Konzept der „Mindfulness-

Based Stress Reduction“ (MBSR). Sein

Ansatz der Achtsamkeit basiert auf glo-

balen Techniken der Meditation, die von

ihren spirituellen Verankerungen weit-

gehend befreit wurden.

Der Blick der Mind-Body-Medizin

richtet sich auf das Zusammenspiel von

Geist, Psyche, Körper und Verhalten

und darauf, wie emotionale, mentale, so-

ziale, spirituelle und verhaltensbezogene

Faktoren Einfluss auf die Gesundheit

nehmen. Indem sie als Lebensstilmedi-

zin alle diese verschiedenen Ebenen an-

spricht, beeinflusst sie das Schmerzemp-

finden letztlich dort, wo es entsteht: im

Gehirn. In der therapeutischen Praxis

greift sie dabei auf Elemente traditionel-

ler Heilverfahren (Tai Chi, Qigong, Me-

ditation, Yoga) zurück, aber auch auf

moderne entspannungs- und achtsam-

keitsbasierte Verfahren (Progressive

Muskelentspannung, Imagination, kog-

nitive Verhaltensänderung, MBSR/

Achtsamkeit). Zudem werden Ernäh-

rung, Bewegung und soziale Unterstüt-

zung als zentrale Aspekte einer gesund-

heitsfördernden Lebensstilgestaltung

gesehen.

Allein oder im Team

Die Verfahren der Mind-Body-Medizin

können in der Gruppe wie auch indivi-

duell erlernt und praktiziert werden. An

unserer Klinik sind sie beispielsweise

Teil des ordnungstherapeutischen The-

rapieprogramms während eines zehn-

bis zwölftägigen stationären Aufenthalts.

Vertieft werden sie je nach Indikation in

einer teilstationären Tagesklinik, die

über zehn Wochen jeweils einen Tag in

der Woche stattfindet und die nachhal-

tige Umsetzung im individuellen Le-

bensumfeld begleitet.

Zum einen geht es darum, Hinter-

gründe und Bedeutung der Krankheit

zu verstehen und wichtige Informatio-

nen über die Rolle des Lebensstils zu be-

kommen. Dieser Input wird dann in

praktischen Trainingseinheiten umge-

setzt und eingeübt – zum Beispiel in der

täglichen Morgenbewegung oder in

Achtsamkeitsübungen. Sinnhaftigkeit,

Erfahrung und Reflexion stehen im Fo-

kus von Gruppengesprächen, die sich

zum Beispiel mit selbstschädigenden

Gedanken befassen und Selbsterfahrung

fördern. Insgesamt liegt das Augenmerk

der therapeutischen Intervention nicht

auf den Defiziten (der Schmerzkrank-

heit), sondern auf den individuellen Res-

sourcen der Patienten (Salutogenese).

Achtsamkeit als Basis

Ein besonders wichtiges Lern- und Er-

fahrungsfeld für Schmerzpatienten ist

die Achtsamkeit. Das Einüben des ur-

teilsfreien Beobachtens hilft, jeden Au-

genblick unvoreingenommen anzuneh-

men. Die Patienten entdecken, wie

Schmerzen und Spannungen, Wohlge-

fühl und Missbehagen sich permanent

verändern. Ein zentraler Punkt ist der

Umgang mit Stress. Hier entscheidet

sich, wie hoch die Belastungen imAlltag

sind, wie Anforderungen bewertet und

bewältigt werden. Die Patienten lernen,

dass sich ihre körperlichen Empfindun-

gen von ihren Gedanken und Interpre-

tationen unterscheiden: Sie sind nicht

das hilflose Opfer ihrer Symptome, son-

dern sie können handeln. Das verändert

in der Praxis die Bewertung der Schmer-

zen und macht die Betroffenen unab-

hängiger davon.

Die Wirksamkeit achtsamkeitsbasier-

ter Verfahren ist wissenschaftlich nach-

gewiesen worden: Das klassische acht-

wöchige, von Kabat-Zinn entwickelte

Therapieprogramm MBSR, das an rund

250 US-Kliniken praktiziert wird, er-

brachte bei 65% der Patienten eine

Schmerzreduktion von mehr als 33%

und bei über der Hälfte sogar von 50%

[1]. Eine umfassende Metaanalyse, die 22

Studien zur Wirksamkeit bei chroni-

schen Schmerzen einschloss, ergab, dass

Schmerzen und begleitende Depressivi-

tät vergleichbar mit kognitiv-behaviora-

len Verfahren gesenkt wurden [2]. Eine

weitere Metaanalyse zu MBSR bei Fibro-

myalgie ergab Hinweise auf positive

Wirkungen, wenn auch die Aussagekraft

durch die geringe methodische Qualität

der meisten Studien eingeschränkt ist

[3]. Bei chronischen Rückenschmerzen

liegen hingegen Evidenzen für eine

Schmerzreduktion aus qualitativ hoch-

wertigen Studien vor [4]. Möglicherwei-

se fördert MBSR hier die Akzeptanz von

Schmerzen [5] – was ein wichtiger Fak-

tor bei der Wiedererlangung der Funk-

tionsfähigkeit im Alltag ist. Erste viel-

versprechende Hinweise geben Einzel-

studien zur Wirksamkeit von MBSR bei

Migräne [6] und rheumatoider Arthritis

[7]. Wissenschaftliche Evidenz liegt also

für die Indikationen Fibromyalgie, chro-

nische Rückenschmerzen und (mit Ein-

Tab. 1: Evidenzen von achtsamkeitsbasierten Verfahren bei Schmerzen

MBSR

Yoga

Akupunktur

Qigong / Tai Chi

Migräne

IIa

Ila

Ib°

III

Chronischer

Spannungskopf-

schmerz

IIa

III

Ib°

IIa

Chronischer

Rückenschmerz

Ila

Ia

Ia

-

Chronischer

Nackenschmerz

IV

Ib

Ia

lb

Fibromyalgie

Ib

Ib

Ib°

lb

Gonarthrose

-

IIa

Ib°

Ia

Rheumatoide

Arthritis

Ila

IIa

-

IIa

Oxford Centre for Evidence-based Medicine – Levels of Evidence wurden verwendet. Ia beschreibt homogene Ergebnisse

aus systematischen Reviews randomisierter Studien, Ib Ergebnisse aus einzelnen randomisierten Untersuchungen, IIa Er-

gebnisse aus heterogenen systematischen Reviews randomisierter Studien, IIb Ergebnisse aus unkontrollierten Studien

und IV Evidenz basierend auf Fallserien. Heterogene Ergebnisse mehrerer kontrolliert randomisierter Untersuchungen

wurden mit Ib° gekennzeichnet. Homogene Ergebnisse aus Metaanalysen mit nur wenigen und unverblindeten Studien

wurden mit Ib bewertet [15].