Previous Page  29 / 60 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 29 / 60 Next Page
Page Background

For tbildung

Mind-Body-Medizin

32

Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

schränkungen) für Migräne und rheu-

matische Erkrankungen vor.

Yoga für Körper und Geist

Mehr Studien gibt es weltweit zur Wirk-

samkeit von Yoga. Die Bewegungslehre

als Teil der spirituellen und medizini-

schen Praxis Indiens wird in der westli-

chenWelt vor allem als Mittel des Stress-

managements genutzt. Yoga erfreut sich

wachsender Beliebtheit in der Bevölke-

rung: Nach einer repräsentativen Um-

frage haben über 15% der Deutschen

schon einmal Yoga praktiziert, weitere

16% können sich vorstellen, damit in

nächster Zeit zu beginnen. Ziel ist die

Verbesserung des körperlichen, aber

auch des psychischen Wohlbefindens.

Die stärkste Evidenz ergaben hoch-

qualitative randomisierte Studien für

die kurz- sowie langfristige Reduktion

chronischer Rückenschmerzen und für

die Besserung funktioneller Einschrän-

kungen durch Yoga [8]. Die Wahrschein-

lichkeit, dass sich die Beschwerden deut-

lich verbessern würden, war dreimal hö-

her als bei den Kontrollinterventionen.

Hochqualitative randomisierte Studien

liegen auch zu Yoga bei chronischen Na-

ckenschmerzen vor. Die positive Lang-

zeitwirkung hängt hier allerdings von

der Fortführung der Yogapraxis ab [9,

10]. Erste Hinweise auf eine Wirksam-

keit bei Fibromyalgie, Arthrose, rheu-

matoider Arthritis und Migräne existie-

ren ebenfalls, bei eher unterschiedlicher

Studienqualität [11, 12, 13].

Schwerere Verletzungen durch Yoga,

wie sie anekdotisch immer wieder mal

berichtet werden, lassen sich aus den Stu-

dien nicht ableiten. Wenn unerwünschte

Nebenwirkungen auftreten, handelt es

sich meist um Zerrungen, entstanden

durch unsachgemäße Anwendungen. In

therapeutischen Settings ist das Risiko

gering. Kontraindikationen sind höchs-

tens starke Osteoporose, schwere Herz-

Kreislauf-Leiden oder Fallneigung bei äl-

teren Patienten. Eingeschränkte Sehfä-

higkeit, Glaukom oder psychische Er-

krankungen erfordern sachkundige

Modifikationen des Übungsprogramms.

Insgesamt ist Yoga jedoch ein sehr gut

untersuchtes sicheres und wirksames

Verfahren gegen Schmerz.

Vergleicht man MBSR und Yoga mit

anderen komplementärmedizinischen

Verfahren zur Schmerzlinderung [14], so

zeigt sich eine durchwegs sehr gute bis

gute Evidenz bei den häufigsten

Schmerzerkrankungen (

Tab. 1

).

Zur Mind-Body-Medizin zählen au-

ßerdem klassische Entspannungsverfah-

ren wie die Progressive Muskelentspan-

nung. In zwei Metanalysen wird ihr

angstlösender Effekt bestätigt [15, 16].

Wirkungen auf Schmerzen wurden bis-

her nur in einer Studie zu Arthrose do-

kumentiert [17]. Muskelentspannung

lindert chronische Kopfschmerzen und

unterstützt die Migräneprophylaxe [18,

19]. Hypnose hat viele Wirkungen: Sie

senkt die Angst, verbessert die Durch-

blutung durch Entspannung, verringert

die Rate an Komplikationen und be-

schleunigt die Wundheilung. Eine

Metaanalyse zeigt positive Effekte bei

der Brustkrebsbehandlung, auch was

Schmerzen angeht [20]. In Belgien wur-

de Hypnose am Universitätsklinikum

Lüttich begleitend zur Anästhesie be-

reits bei über 8.500 Patienten eingesetzt.

Es gibt Hinweise, dass die Mind-Body-

Medizin

im Vorfeld oder bei der Nach-

behandlung chirurgischer Eingriffe den

Bedarf an Analgetika reduziert und zu

einer geringeren Komplikationsrate

führt [21].

In einer aktuellen Leitlinie des Ame-

rican College of Physicians [22] wird Pa-

tienten mit chronischen Schmerzen des

unteren Rückens empfohlen, vor einer

medikamentösen Behandlung verschie-

denste nicht pharmakologische Therapi-

en zu erproben, zum Beispiel Bewegung,

Tai Chi, Yoga, Progressive Muskelent-

spannung und MBSR.

Mind-Body-Medizin fördert nicht

nur das Selbstheilungspotenzial der Pa-

tienten und verbessert ihre Lebensqua-

lität, sondern sie kann auch jede andere

Therapie in ihrer Wirksamkeit unter-

stützen.

An der Universität Duisburg-Essen

am Lehrstuhl für Naturheilkunde und

Integrative Medizin wird Mind-Body-

Medizin für Ärzte und Therapeuten als

Vertiefungsseminar mit einem 130-stün-

digen Curriculum angeboten. Eine jähr-

liche Mind-Body Medicine Summer

School stellt in kompakter Form mind-

body-medizinische Interventionen vor

dem Hintergrund aktueller Forschung

vor [23].

Dr. rer. medic. Anna Paul

Leitung Ordnungsthera-

pie, Mind-Body-Medizin

Integrative Onkologie

Klinik für Naturheilkunde

und Integrative Medizin

Kliniken Essen-Mitte,

Medizinische Fakultät

Universität Duisburg-Essen

Knappschafts-Krankenhaus

Am Deimelsberg 34 a, 45276 Essen

E-Mail:

a.paul@kliniken-essen-mitte.de

PD Dr. Holger Cramer

Dr. med. Thomas Rampp

Dr. med. Marc Werner

Prof. Dr. med. Gustav J. Dobos

Literatur

1.

Kabat-Zinn J. Gen Hosp Psychiatry 1982;

4:33–47

2.

Veehof MM et al. Pain 2011;152(3):533–42

3.

Lauche R et al. J Psychosom Res 2013;75

(6):500–10

4.

Anheyer D et al. Ann Intern Med 2017;166(11):

799–807

5.

Cramer H et al. BMC Complement Altern

Med 2012 Sep 25; 12:162

6.

Wells RE et al. Headache 2014 5(9):1484–95

7.

Pradhan EK et al. Arthritis Rheum 2007;57(7):

1134–42

8.

Cramer H et al. A systematic review and me-

ta-analysis of yoga for low back pain. Clin J

Pain 2013;29(5):450–60

9.

Cramer H et al. Yoga for chronic neck pain: a

12-month follow-up. Pain Med 2013;14(4):

541–8

10. Cramer H et al. Clin J Pain 2013;29(3):216–23

11. Cramer H et al.. Rheumatology (Oxford)

2013;52(11):2025–30

12. Bartlett SJ, Moonaz SH, Mill C, Bernatsky S,

Bingham CO. 3rd. Curr Rheumatol Rep 2013;

15(12):387

13. John PJ et al. Headache 2007;47(5):654–61

14. Rampp R , Cramer H, Endres H, Dobos G. Al-

ternative und komplementäre Verfahren. In:

Maier C, Diener HC & Bingel U (Hrsg.)

Schmerzmedizin, Interdisziplinäre Diagnose

und Behandlungsstrategien. 2016: 573–94

15. Manzoni GM et al. BMC Psychiatry 2009; 8:41

16. Eppley KR et al. J Clin Psychol 1989; 45(6):

957–74

17. Gay MC et al. Eur J Pain 2002;6(1):1–16

18. Damen L et al. Cephalalgia 2006; 26: 373–83

19. Trautmann E et al. Cephalalgia 2006; 26(12):

1411–26

20. Cramer H et al. Integr Cancer Ther 2015;14:

1–5

21. Cramer H et al. Integr Cancer Ther 2015;

14(1):5–15

22. Amir Qaseem et al. Ann Intern Med. 2017;

166(7):514–30

23.

http://www.nhk-fortbildungen.de/16-

0-Mind-Body-Medicine-Summer-School-

Aktive-Fortbildung-fuer-Mediziner-und-

Therapeuten.htm