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[17–40]. Wissenschaftlich gut untersucht

und lange bekannt ist, dass ein Fehlen

von Vitamin C in der Nahrung, zum

Beispiel im Rahmen einer Mangel- oder

Unterernährung unweigerlich zu einer

Skorbuterkrankung führt, bei Säuglin-

gen auch Möller-Barlow-Syndrom ge-

nannt (bezeichnet nach Sir Thomas Bar-

low [1845–1945] und Julius Otto Ludwig

Möller [1819–1887]). Dessen Hauptsym-

ptome sind insbesondere auf eine fehler-

hafte Kollagenbiosynthese zurückzu-

führen, da Vitamin C ein wichtiger Ko-

faktor bei der Hydroxylierung der

Aminosäuren Prolin und Lysin zu Hyd-

roxyprolin und Hydroxylysin ist. Auf-

grund dieser fehlerhaften Synthese wer-

den nachfolgend nur Kollagenmoleküle

gebildet, die ihrer Funktion als Struk-

turprotein nicht mehr nachkommen

können. Die Hauptsymptome sind:

Zahnfleischbluten

Zahnfleischwucherung

(Gingivahyperplasie)

Zahnausfall

Hautprobleme

schlechte Wundheilung

Knochenschwund

Diese manifestieren sich daher auch pri-

mär an Organen oder Organsystemen,

die unmittelbar von einer ungestörten

Kollagenbiosynthese abhängig sind [17,

18, 21, 25, 27, 28, 29, 40]. Allerdings ist

Vitamin C auch ein potenter Radikal-

fänger reaktiver Sauerstoffspezies (ROS)

und damit quasi ein direktes biologi-

sches „Antidot“ gegen oxidativen Stress,

einem der Hauptauslöser für Alterungs-

prozesse und Zellschäden im Organis-

mus. Diese Eigenschaft des Vitamin C

könnte also immer dann therapeutisch

von Nutzen sein, wenn zusätzlich zur

Grundproblematik eine wie auch immer

geartete chronische – und hier häufig

vor allem auch die „subklinische“, also

diagnostisch schlecht fassbare – Ent-

zündungsreaktion „Outcome-bestim-

mender“ Teil des Erkrankungsprozesses

ist. Und in der Tat lassen neuere Unter-

suchungen mehr und mehr vermuten,

dass vor allem diese chronischen, zum

Teil über Jahre ablaufenden inflamm-

atorischen Geschehen fast immer ein re-

levanter Bestandteil eines Schmerzsyn-

droms sind, ja selbst für die damit häu-

fig verbundenen Begleitsymptomatiken

(z.B. psychische Veränderungen) ver-

antwortlich sein können [19–40].

Korrelation zwischen Vitamin-C-

Spiegel und Rückenschmerz

Jedoch finden sich in der Literatur nur

sehr wenige Untersuchungen, die einen

Zusammenhang zwischen einer Rücken­

schmerzsymptomatik und einem Man-

gel an Vitamin C (im Blut oder speziel-

len Geweben) untersuchten, oder die

eine Supplementierung mit Vitamin C

in diesem Zusammenhang zum Gegen-

stand der Forschung gemacht haben.

War dies allerdings der Fall, zeigten sich

nahezu jedes Mal überraschende Ergeb-

nisse. Ein Beispiel hierfür ist eine hoch-

aktuelle und sehr interessante retro­

spektive Auswertung einer nationalen,

schon über zehn Jahre zurückliegenden

Erhebung aus den Vereinigten Staaten

von Amerika. Wie die Resultate zeigen,

gibt es deutliche Hinweise auf eine po-

tenzielle Korrelation zwischen der Se-

rum-Vitamin-C-Konzentration und der

Prävalenz von Rückenschmerzen sowie

den damit verbundenen funktionellen

Einschränkungen bei den Erwachsenen

in der Allgemeinbevölkerung (siehe

Kasten [41]). Besonders interessant hier-

bei war allerdings die eindeutige Kor­

relation zwischen dem Vitamin-C-Serumspiegel und einer Rücken-

schmerzsymptomatik: Patienten mit

Vitamin-C-Hypovitaminose litten sig-

nifikant häufiger unter Rückenschmer-

zen und waren hierdurch ebenso signi-

fikant häufiger in ihrer körperlichen Ak-

tivität eingeschränkt. Auch die „Euro-

pean prospective investigation into

cancer in Norfolk study“ konnte diesen

interessanten Zusammenhang bestäti-

gen. Hier zeigte sich ferner, dass höhere

Plasma-Vitamin-C-Spiegel mit einem

signifikant verminderten Frakturrisiko

im Bereich der Wirbelsäule assoziiert

sind [42].

Postmenopausale Beschwerden

Obwohl diese Korrelation im Rahmen

der Untersuchung insgesamt mehr bei

Männern als bei Frauen zu finden war,

konnte die „Fourth Korean National

Health and Nutrition Examination Sur-

vey” bei insgesamt 1.196 untersuchten

Frauen zeigen, dass Frauen vor allem in

den ersten zehn Jahren der Menopause

hinsichtlich der Knochendichte der lum-

balen Wirbelsäule von einer Nahrungs-

ergänzung mit Vitamin C profitieren.

Vor allem bei einer Vitamin-C-Hypo­

vitaminose beziehungsweise einer

täglichen Vitamin-C-Aufnahme unter

100 mg war das Risiko, an einer Osteo-

porose zu erkranken, signifikant erhöht

(Odds Ratio: 1,79) [43]. Und in der Tat

lohnt es sich in diesem Zusammenhang,

den menopausalen Effekt auf Knochen-

dichte oder Osteoporose noch eingehen-

der zu besprechen, denn gerade hier

wird der Einfluss von Alterung und hor-

monellen Veränderungen als Ursache

Studie: Vitamin-C-Serumspiegel

und spinale Schmerzen [41]

Die primäre Datenerhebung erfolgte im

Rahmen des United States National

Health and Nutrition Examination Sur-

vey (NHANES) 2003–2004. In der sehr

aufwändig gestalteten Untersuchung

wurden nicht nur spezielle Fragebögen,

sondern auch ein persönliches Gesund-

heitsinterview direkt zu Hause (inklusive

Ernährungsfragen) und daran anschlie-

ßende weitere Untersuchungen (aus-

führliche körperliche und

anthro-pometrische Untersuchungen,

Blut- und Urinuntersuchungen) in spezi-

ell hierfür konzipierten mobilen Unter-

suchungseinheiten zur Datenerhebung

herangezogen. Im Detail wurden die

Teilnehmer auch dezidiert hinsichtlich

einer Schmerzsymptomatik und deren

Lokalisation in den letzten drei Monaten

sowie zum aktuellen körperlichen Funk-

tionsstatus und Begleiterkrankungen

untersucht und befragt. Parallel hierzu

erfolgte unter anderem die Bestim-

mung des Vitamin-C-Serumspiegels. Die

Resultate der Untersuchung sind aller-

dings sehr interessant, denn allein fast

20% von den 4.742 untersuchten Teil-

nehmern litten mit einem Serumspiegel

von unter 23,9 μmol/l an einer schweren

Vitamin-C-Hypovitaminose. Hinsichtlich

einer Schmerzsymptomatik zeigte sich

bei knapp 23% der Teilnehmer eine

Schmerzsymptomatik der Halswirbel-

säule, bei 40% ein unterer Rücken-

schmerz (bei 12%mit Ausstrahlung in

die Beine), sowie bei 25% aller Teilneh-

mer eine gesicherte Arthritis und/oder

eine Rheumaerkrankung. Über Limita­

tionen im Rahmen der täglichen Arbeit

durch die oben genannten Symptomati-

ken berichteten ebenfalls circa 23% aller

Befragten.

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Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

For tbildung

Vitamin C beim chronischen Kreuzschmerz