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Problematik geben, wenn man sie stan-

dardisiert ausgewertet. Wir müssen in

diesen Fällen umdenken und die Be-

handlungsziele auf die kommunizierba-

re Problematik abstimmen. Der Patient

mit Migrationshintergrund mit Flucht,

Vertreibung, Krieg und/oder Folter in

der Vorgeschichte ist ein Patient, der

auch im Rahmen eines biopsychosozia-

len Behandlungskonzeptes verstanden

werden sollte [1]. Herauszufinden ist,

was hilft, was gut tut und ob es möglich

ist, den Patienten für eine Weiterbe-

handlung in speziellen Zentren zu öff-

nen, die eine muttersprachliche Behand-

lung anbieten können. Im Rahmen einer

multimodalen Schmerzmedizin im sta-

tionären Bereich kann so der Weg zu ei-

ner Weiterbehandlung gebahnt werden.

Schmerzen als Spätfolgen

Die Patienten, die wir heute in schmerz-

therapeutischen Einrichtungen sehen,

können auch hochbetagte Patienten mit

traumatischen Erlebnissen aus der Zeit

des 2. Weltkriegs sein, die zusätzlich zu

degenerativen und Altersproblemen

auch unter Schmerzen leiden. Es sind

zudem die Patienten aus den Nachfolge-

staaten des ehemaligen Jugoslawien, die

Schreckliches erlebt haben und dies

selbst häufig nicht mit ihrer somatischen

Problematik in Zusammenhang bringen.

Zukünftige Patienten werden diejenigen

sein, die auf ihrer kürzlichen Flucht

ebenfalls Krieg, Vertreibung und Folter

erlebt haben. Chronische, psychosoma-

tische und Schmerzerkrankungen dieser

Menschen werden uns in den nächsten

Jahren beschäftigen. Wenn wir davon

ausgehen, dass Kommunikation eine

notwendige Grundlage für die Behand-

lung dieser Menschen ist, sollten wir of-

fen dafür sein, Menschen mit Migrati-

onshintergrund auch im Bereich medi-

zinischer Einrichtung stärker zu integ-

rieren. Haben wir muttersprachliche

Schmerztherapeuten oder Pain Nurses,

kann eine andere Form der Behandlung

direkt zu Beginn angeboten werden.

Dr. med. Dipl. oek. med. Thomas H. Cegla

[1] Cegla TH. Chronische Schmerzen nach Folter

und Gewalt. Was muss der Allgemeinmediziner

wissen? Arzneimittel, Therapie-Kritik & Medizin

und Umwelt (2013/Folge 2), Hans Marseille Ver-

lag, München

Asylbewerber und Verfahrensweise

Die Gesundheitsversorgung von Asylbewerben stellt uns vor grundlegende

Fragen. Neben der Frage nach der Herkunft der Menschen und dem dortigen

Umgang mit gesundheitlichen Beschwerden ist es auch wichtig zu wissen,

welche Behandlungsoptionen Patienten in den betreuenden Einrichtungen

zur Verfügung stehen.

W

as ist eigentlich ein Asylbewerber?

Eine mögliche Definition lautet:

Personen, die aufgrund ihrer Nationali-

tät, ihrer politischen Überzeugung, ih-

rer religiösen Grundeinstellung oder der

Zugehörigkeit zu einer bestimmten so-

zialen Gruppe ohne Fluchtalternative

innerhalb des Herkunftslandes schwer-

wiegenden Menschenrechtsverletzun-

gen im Heimatland ausgesetzt sind.

Für Geflüchtete, die in Deutschland

ankommen, führt der Prozess des Asyl-

verfahrens von der Registrierung über

die Zuweisung nach dem Königsteiner

Schlüssel zum jeweilige Bundesamt so-

wie zum Aufenthalt in den zentralen

Unterbringungseinrichtungen und den

Kommunen bis hin zur Entscheidung

über das Asylverfahren durch das Bun-

desamt für Migration und Flüchtlinge.

Die Aufteilung der Asylbewerber auf die

jeweiligen Bundesländer richtet sich zu

zwei Dritteln nach den Steuereinnah-

men und zu einem Drittel nach der Be-

völkerungsanzahl. In diesem Jahr ka-

men vor allem Flüchtlinge aus Syrien,

Afghanistan und dem Irak sowie Eritrea

zu uns.

Gesundheitliche Situation

In den Erstaufnahmeeinrichtungen fin-

det eine medizinische Erstuntersu-

chung statt. Es erfolgt ein Tuberkulose-

test, um eine akute Erkrankung auszu-

schließen (

Abb. 1

). In den zentralen Un-

terbringungseinrichtungen werden die

Asylsuchenden mittels Krankenbehand-

lungsschein, der von der Bezirksregie-

rung vorgegeben wird, zum Arzt ge-

schickt. Später erfolgt in der Kommune

ein Arztbesuch eigenständig mit elekt-

ronischer Gesundheitskarte oder mit

Krankenkassenkarte. Die Erstversor-

gung vor Ort beinhaltet keine Medika-

mentenversorgung durch die Einrich-

tung. Es ist jedoch immer medizini-

sches Personal vor Ort. Das Ziel ist es,

eine schnellere und einwandfreiere Be-

handlung mittels elektronischer Ge-

Abb. 1

: Der

Prozess eines

Asylverfah-

rens in

Deutschland

Ablauf eines Asylverfahrens

Quelle: BAMF

22911

**z.B. bei Reiseunfähigkeit

*wenn nicht: Überstellung ins Erst-Einreiseland

beispielhafter Ablauf

Registrierung

nach Einreise

Verweis in

nä hstgelegenes

Aufnahmelager

c

ggf.Verlegung in anderes Bun-

desland (Verteilung nach Quoten-

system „Königsteiner Schlüssel“)

Prüfung, welches EU-Land für den

Bewerber zuständig ist (richtet sich

nach Erst-Einreiseland in die EU)

Wenn Deutschland

zuständig*: persönliche

Anhörung zu Flucht-

gründen und

Lebensumständen

Entscheidung

des Bundesamts

für Migration

und Flüchtlinge

Aufenthaltserlaubnis

Aufforderung

zur Ausreise/

Abschiebung

Asylbewerber kann

dagegen klagen

Gericht gibt statt

Gericht lehnt ab

Ablehnung,

aber Du dung**

l

Bundesamt legt Akte an,

Bewerber wird erfasst (u.a.

Foto und Fingerabdrücke)

Bewerber erhält Ausweis-

dokument für vorüber-

gehenden Aufenthalt

pe sönlicher Asylantrag

be m Bundesamt für

Migration und Flüchtlinge

r

i

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Deutsche Gesellschaft für

Schmerzmedizin e. V.

www.dgschmerzmedizin.de

Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

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