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Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen

Gerade Migranten scheinen häufig an Schmerzen zu leiden. Auf dem Weg zu

einer zufriedenstellenden Schmerztherapie sind zunächst sprachliche, aber

auch soziokulturelle Hürden zu überwinden.

D

as deutsche Gesundheitswesen ist in

erster Linie auf die einheimische

Bevölkerung ausgerichtet. Für die in

Deutschland lebenden Menschen aus

anderen Ländern, Gesellschaften und

Kulturen ergeben sich Versorgungs­

lücken. Durch die Zuwanderung von

Flüchtlingen werden die bestehenden

Versorgungsdefizite und der spezifische

Entwicklungsbedarf noch sichtbarer.

Die aktuelle Aufmerksamkeit, kann aber

auch als Chance für eine kultursensible­

re Gestaltung des Gesundheitswesens

sein, die auch für die Schmerzmedizin

Relevanz hat.

Die Prävalenz muskuloskelettaler

Schmerzen ist bei Geflüchteten durchge­

hend höher als die der Bevölkerung des

Fluchtlandes [1]. Nach einer repräsenta­

tiven Studie des Zentralinstituts für die

kassenärztliche Versorgung [2] sind bei

Patienten mit Migrationshintergrund

im Vergleich zu deutschen Patienten

Schmerzzustände doppelt so häufig

Hauptanlass für den Arztbesuch (33%

vs. 16%). Multilokuläre Schmerzen fin­

den sich bei Migranten doppelt so häu­

fig wie bei in Schweden geborenen [3].

Bei Migranten aus der Türkei, dem Iran,

Pakistan oder Sri Lanka sind multiloku­

läre Schmerzen bis zu 8-fach häufiger als

in der norwegischen Bevölkerung [4].

Soziokulturelle Probleme lösen

Die Herausforderungen für die Versor­

gung ergeben sich zunächst aufgrund

der Sprachbarriere, welche die Durch­

führung von Anamnesen und Patienten­

aufklärungen, sowie die Diagnostik und

Vermittlung von präventiven und pro­

phylaktischen Maßnahmen erschwert.

Außerdem werden Sprach- und Integra­

tionsmittler in Deutschland im Ver­

gleich zu anderen europäischen Ländern

seltener eingesetzt [5]. Des Weiteren

muss die soziokulturelle Barriere über­

wunden werden, die durch Unterschiede

im Krankheitsverständnis, in der Bezie­

hungsgestaltung, Erwartungen und

Kommunikationsweisen entstehen.

Anders als in englischsprachigen Län­

dern wird in Deutschland das Wissen

darüber im Medizinstudium und wäh­

rend der Weiterbildung nur unzurei­

chend vermittelt [6]. Weitere Herausfor­

derungen ergeben sich aus psychischen

Komorbiditäten und dem häufigem Vor­

kommen von psychischen Erkrankun­

gen mit dem Leitsymptom Schmerz wie

es zum Beispiel bei PTBS, Depression

oder Somatoformer Schmerzstörung der

Fall sein kann (

Tab. 1

).

Erfolgsrezept für die Versorgung

Die schmerztherapeutische Versorgung

von Flüchtlingen kann nur gelingen in­

dem man Schnittstellenprobleme löst,

da die Behandlungen bisher stark von

fachspezifischen Strategien bestimmt

werden. Ein früher interdisziplinärer

Austausch sollte ermöglicht werden, um

eine optimale Behandlung zu garantie­

ren. Durch die Stärkung der Motivation

und der aktiven Mitwirkung der Patien­

ten auf der Basis der kultursensiblen

hinreichenden Aufklärung lässt sich der

Therapieerfolg verbessern. Genauso wie

durch die Kommunikation von Arzt

und Patienten mit Migrationshinter­

grund auf Augenhöhe. Deshalb ist es

sinnvoll, eine Hierarchisierung der Be­

handlungskonzepte zu vermeiden.

Dr. med. (YU) M. san Ljiljana Joksimovic

Literatur

1. Sleptsova M. Asian Hospital & Healthcare

Management. 2009;(19):6–38

2. Schach E, Schwartz FW, Kerek-Bodden HE

(Bearb.) Die EVaS-Studie–Eine Erhebung

über die ambulante medizinische Versor-

gung in der Bundesrepublik Deutschland.

Köln: Deutscher Ärzte-Verlag 1989 Band 39.1

3. Bergman S, Herrström P et al. J Rheumatol

2001;28(6):1369–77

4. Kumar B. The Oslo Immigrant Health Profile,

The Norwegian Institute of Public Health Re-

port, 2008

5. Kluge et al. Eur Psychiatry 2012;27 Suppl

2:S56–62

6. Knipper M. Int J Public Health. 2016

Dec;61(9):993-994. Epub 2016 Oct 18. Migra-

tion, public health and human rights.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Thomas H. Cegla

Chefarzt Klinik für Anästhesiologie, Inten-

sivmedizin, Klinik für Schmerztherapie

Ärztlicher Direktor Krankenhaus St. Josef

Bergstr. 6-12, 42105 Wuppertal

E-Mail:

Thomas.Cegla@cellitinnen.de

sundheitskarte sicherzustellen sowie die

medizinische Behandlung durch Psy­

chotherapeuten zu gewährleisten. Lang­

fristig sollen die Transportmöglichkei­

ten im Krankheitsfall klarer organisiert,

schnellere Rückmeldung aus dem medi­

zinischen Bereich gegeben und die fa­

miliäre Situationen der Asylbewerber

berücksichtigt werden, sodass Familien

im Krankheitsfall zusammenbleiben

können.

Für alle war und ist dies ein Lernpro­

zess, der bereits zur Verbesserung der Si­

tuation geführt hat, aber weiter ausge­

baut werden sollte. Die Herausforderung

besteht darin, sich den variierenden

Flüchtlingszahlen anzupassen sowie

sich auf die unterschiedliche religiöse,

kulturelle und ethnische Herkunft derer,

die zu uns kommen, einzustellen.

Sabrina Cegla

M.sc

.

Tab. 1: Anforderungen an Ärzte in

der Schmerztherapie von

Migranten und Flüchtlingen

Leitliniengerechte Behandlung

(z.B. NLK, LONTS)

transkulturelle, beziehungsweise

interkulturelle Kompetenz

Berücksichtigung des unterschiedlichen

Krankheitsverständnisses

Berücksichtigung der höheren psychischen

Komorbidität

Unterschiedliche Schmerzempfindlichkeit

Traumatisierung

Erwartungshaltung

DGS

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V.

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Schmerzmedizin 2017; 33 (4)