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Vorgesetzten gemeldet wird (unabhän-

gig vom Meldesystem) kann das Diszi-

plinarsystem aktiv werden.

Die Hintergrundinformationen zu ge-

meldeten Vorfällen und die von den be-

teiligten Flugzeugführern erläuterten

beitragenden Faktoren verdeutlichen

immer wieder, dass häufig private Be-

lastungen der Auslöser für gravierende,

fliegerische Arbeitsfehler sind. Ein stabi-

les privates Umfeld ist eine wichtige Vo-

raussetzung für hohe berufliche Leis-

tungsfähigkeit. Ein Pilot wird – sofern

er seine privaten Probleme offenbart –

unter Beibehaltung seiner Bezüge, vor-

übergehend vom fliegerischen Dienst

freigestellt, bis sich seine Lebenssitua­

tion wieder beruhigt hat.

Die Erwartung, dass die Hochtechno-

logie Fachkenntnis und gesunden Men-

schenverstand weitgehend überflüssig

macht, hat sich nicht erfüllt. Es ist bei-

nahe ein Treppenwitz der Menschheits-

geschichte, dass die Bemühungen des

Menschen, Maschinen zu entwickeln,

die menschliche Schwächen kompensie-

ren, dazu geführt haben, dass nun beim

Umgang mit diesen HITEC-Geräten so-

ziale Kompetenz und optimale Teamar-

beit, also „urmenschliche“ Fähigkeiten

einen ganz besonderen Stellenwert ge-

wonnen haben.

Manfred Müller

Flugkapitän

Leiter Flugsicherheit Lufthansa

Dozent für Risikomanagement

Hochschule Bremen

E-Mail:

manfred.mueller@akarisma.de

Der Arzt als Sicherheitsrisiko? – Ein Kommentar

Es lassen sich einige Parallelen zwischen dem Berufsbild eines Piloten und dem eines Mediziners erkennen. Doch

lassen sich Sicherheitsstrategien wie die aus der Luftfahrt tatsächlich in die medizinische Praxis übertragen? Dies

wäre ein weiter Weg, an dessen Anfang ein Umdenken stünde.

Ü

berall, wo Menschen mit Technik

arbeiten, also auch im Gesundheits-

wesen kann es zu Fehlern kommen, die

in Katastrophen münden. Im Falle der

Medizin ist beispielsweise das Narkose-

gerät nur so gut, wie es durch den Anäs-

thesisten bedient wird, vergleichbar mit

einem Flugzeug, das ein Pilot fliegt.

Durch Kontrolle und Kooperation von

Ärzten und Pflegern können Fehler re-

duziert und Katastrophen vermieden

werden.

Zum Beispiel können elektive Eingrif-

fe, insbesondere operativer Art, die in

der Vorbereitung hohe Standards in der

Medizin erforderlich machen, das Risi-

ko des Eingriffes insgesamt minimieren

und dementsprechend das Gesundheits-

risiko für den Patienten senken.

Im Beitrag von Manfred Müller wur-

de bereits kurz auf die Gemeinsamkei-

ten zwischen einem Arzt und einem

Flugkapitän hinsichtlich der Verantwor-

tung, die sie tragen, hingewiesen. Für

die Medizin müsste die Konsequenz da-

raus lauten, dass sich von vornherein im-

mer zwei Anästhesisten oder ein Anäs-

thesist und ein Anästhesiepfleger per-

manent um den Patienten kümmern.

Dies entspricht leider nicht der Realität

im Operationssaal. Häufig ist der Anäs-

thesist oder der Pfleger alleine im Ope-

rationssaal und versorgt den Patienten.

Erst wenn es zu Problemen (Komplika-

tion OPS) kommt, wird ein weiterer An-

ästhesist oder ein Pfleger hinzugezogen.

Dies führt zwangsläufig zu einem Zeit-

fenster, in dem der Patient einem erhöh-

ten Risiko ausgesetzt ist.

Für eine verbesserte Patientensicher-

heit müssten Arbeitsstrukturen geschaf-

fen werden, um Fehler und Probleme

früher zu erkennen und Lösungen eher

angehen zu können. Um dies zu gewähr-

leisten, wäre folgerichtig eine bessere

Personalausstattung zu fordern. Führen

wir uns unser Gesundheitssystem mit

seinen aktuellen Bedingungen vor Au-

gen, wird klar, dass dies nicht realistisch

durchführbar ist.

Warum? Erstens wäre das erhöhte Per-

sonalaufkommen – beispielsweise im

Operationssaal – für die Krankenhäuser

im aktuellen Vergütungssystem nicht fi-

nanzierbar. Zweitens fehlt es unter den

heutigen Bedingungen schlicht an gut

ausgebildetem Fachpersonal etwa zur

Durchführung von Narkosen. Nicht

ohne Grund haben viele Krankenhäuser

vermehrt „Leihärzte“ in ihren Reihen,

da der Markt nicht mehr Fachärzte her-

gibt.

Flugkapitän Müller hat vollkommen

Recht, wenn er eine flache Hierarchie

mit flachen Gradienten fordert. In der

heutigen Struktur des Krankenhauswe-

sens ist dies allerdings mehr Wunsch als

Wirklichkeit. Sicherlich gibt es Abtei-

lungen in der diese flache Hierarchie ge-

lebt wird, ich selbst habe im Operations-

saal aber noch nie erlebt, dass ein Assis-

tenzarzt dem Chef- oder Oberarzt das

Skalpell aus der Hand nahm und die

Operation weiterführte. Hier wäre das

Umdenken aller Beteiligten, sowohl der

Chef- und Oberärzte als auch der OP-

Schwestern und Pfleger sicherlich ein

erster Schritt. Ließe sich im Operations-

saal eine Atmosphäre kreieren, in der

niemand aufgrund seiner Stellung Hem-

mungen hat, ebenfalls auf die Sicherheit

zu achten und gegebenenfalls Zweifel zu

äußern, könnten wir uns den aktuellen

Sicherheitsstandards der Luftfahrt an-

nähern. Aktuell ist uns die Luftfahrt

hinsichtlich der Risikominimierung

aber noch um Längen voraus.

Norbert Schürmann

Facharzt Anästhesie, Allgemeinmedizin

Departmentleiter der Abteilung für

Schmerz-und Palliativmedizin

Abteilung für Anästhesie,

St. Josef Krankenhaus Moers

E-Mail:

pal.schuermann@st-josef-moers.de

DGS

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V.

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Schmerzmedizin 2017; 33 (4)