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Vereinfachte Nutzung cannabishaltiger Arzneien geplant

DGS fordert Konkretisierung des

Gesetzentwurfs der Bundesregierung

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. und die Deutsche Schmerzliga e. V. befürworten die

Initiative der Bundesregierung zur vereinfachten medizinischen Nutzung cannabishaltiger Arzneien. In

einem Positionspapier wünschen sie allerdings eine Schärfung des Gesetzes.

E

rstmalig akzeptiert der Gesetzge­

ber mit der Initiative zur Änderung

des Betäubungsmittelgesetzes, dass

mit den in Deutschland zugelassenen

Arzneimitteln nicht jeder Mensch mit

chronischen Schmerzen adäquat behan­

delt werden kann und einer individuali­

sierten medizinischen Versorgung be­

darf. Neben der Vereinfachung der Ver­

ordnungsfähigkeit müsse jetzt jedoch

auch die Kostenübernahme seitens der

gesetzlichen Krankenkassen geregelt

werden, damit diese Behandlung betrof­

fenen Patienten auch wirklich zugute­

kommen kann, lautet eine der Forderun­

gen in einem gemeinsamen Positions­

papier einer interdisziplinären Ex­

pertengruppe. Mit der geplanten

Gesetzesänderung soll chronisch kran­

ken Menschen unter definierten Bedin­

gungen der Zugang zu Cannabis, canna­

bisbasierten Rezepturarzneien und/oder

entsprechenden Fertigarzneimitteln er­

möglicht werden. Die Deutsche Gesell­

schaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS)

und die Deutsche Schmerzliga e. V.

(DSL) befürworten diese Initiative.

„Mit dem aktuell vorliegenden Gesetz­

entwurf stehen wir an einem Wende­

punkt in der medizinischen Arzneimit­

telversorgung“, erklärt PD Dr. Michael

A. Überall, DGS-Vizepräsident und Prä­

sident der DSL. Es bestehe aber noch

Anpassungsbedarf. In einem gemeinsam

von einer Gruppe interdisziplinärer Ex­

perten aus Medizin und Pharmakologie

beim diesjährigen DGS-Innovationsfo­

rum in Berlin verabschiedeten Positi­

onspapier regen die Unterzeichner zu­

sätzliche, konkretisierende Verord­

nungshinweise an, um den Umgang mit

entsprechenden Therapien im medizini­

schen Versorgungsalltag zu erleichtern.

Rechtsunsicherheiten beseitigen

Die im Entwurf der Bundesregierung

vorgesehene Erfordernis einer „schwer­

wiegenden Erkrankung“ ohne ergänzen­

de Konkretisierung, führe zu einer un­

nötigen Rechtsunsicherheit für Betroffe­

ne. „Durch die vorgeschlagene Ände­

rung und die Verknüpfung mit der

‚Chronikerregelung‘ des § 62 Absatz 1

Satz 2 SGB V, wird der Begriff ‚schwer­

wiegende Erkrankung‘ ausreichend kon­

kretisiert, ohne von vornherein weitere

Patientengruppen von der Versorgung

auszuschließen“, erklärt Überall.

Nach aktuellem Stand drohe außer­

dem aufgrund der unterschiedlichen

Zulassungsstatus der im Gesetzentwurf

zu berücksichtigenden cannabishaltigen

Arzneiformen, dass die Verordnung von

Fertigarzneimitteln durch die Regulari­

en des G-BA nur im Rahmen der beste­

henden Zulassung erfolgen kann. Dies

führe wiederumdazu, dass Patienten pri­

mär mit cannabishaltigen Extrakten,

Rezepturarzneien und/oder getrockne­

ten Cannabisblüten behandelt werden.

Dagegen werdenFertigarzneimittel – die

aus Sicht der Unterzeichner des Positions­

papieres derzeit ambesten erforschte und

aufgrund der Zulassungsdaten auch an­

wendungssicherste Therapieoption – für

die meisten Behandlungsfälle entweder

gar nicht verordnet oder die Verordnung

seitens der gesetzlichen Krankenkassen

aufgrund des dokumentierten ‚Off-Label

Use‘ absehbar nicht genehmigt.

Daher wurde im Positionspapier emp­

fohlen, dass „Versicherte mit einer

schwerwiegenden Erkrankung“ An­

spruch auf Arzneimittel mit den Wirk­

stoffen Nabiximols, Dronabinol, Tetra­

hydrocannabinol oder Nabilon sowie

cannabishaltige Arzneien in Form von

Extrakten oder getrockneten Blüten in

standardisierter und reproduzierbarer

Qualität haben. Dies gilt „wenn aus Sicht

des behandelnden Arztes eine allgemein

anerkannte, dem medizinischen Stan­

dard entsprechende Leistung im Einzel­

fall nicht zur Verfügung steht oder auf­

grund ihres ungünstigen Nutzen-Risi­

ko-Profils nicht in Frage kommt (...)“.

Dabei stellt laut Überall die Empfehlung

zur präferenziellen Berücksichtigung

von Fertigarzneimittel vs. Rezepturen/

Extrakten vs. getrockneten Blüten aus

medizinscher Sicht einen entscheiden­

denMeilenstein dar, denn „im Sinne der

Patientensicherheit sollten auch für die

Behandlung mit cannabishaltigen Arz­

neien bestehende medizinisch-pharma­

zeutische und arzneimittelrechtliche

Standards beachtet werden“.

Zudemmüssten die Voraussetzungen

für eine freiwillige Begleitforschung ge­

schaffen werden. Hierfür bieten sich die

bereits bestehenden Registerstrukturen,

wie etwa das PraxisRegister Schmerz der

DGS und das Patientenportal www.

mein-Schmerz.de

an, über die explora­

tiv entscheidende Einblicke in Wirk­

samkeit und Verträglichkeit von Thera­

pien bei den verschiedensten Krank­

heitsbildern gewonnen werden können

ohne aktiv in den Versorgungsalltag ein­

greifen zu müssen.

red.

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Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

DGS

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V.