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Kritisch betrachtet

D,L-Methadon – eine neue Wunderwaffe

in der Tumor(Schmerz)-Therapie?

In letzter Zeit häufen sich die Berichte über eine antineoplastische oder

supportive chemotherapeutische Potenz der Substanz D,L-Methadon.

Durch diese Berichterstattung steigt auch die Nachfrage der Patienten.

Doch sollten wir ihnen diesbezüglich Hoffnungen machen?

I

n unserer täglichen Praxis kommen

immer wieder Patienten im Rahmen

einer laufenden Tumortherapie oder

der Tumorschmerztherapie mit dem

Wunsch nach einer Behandlung mit

D,L-Methadon auf uns zu. Aufgrund der

Berichterstattung in Teilen der Presse –

manche verbreiten fast schon „Wunder-

meldungen“ – setzen sie und ihre Ange-

hörigen große Hoffnungen in diese ver-

meintliche „de novo“-Zusatztherapie zur

onkologischen Therapie. Überschriften

wie „Krebstherapie: Methadon auf neu-

enWegen“ oder „Methadon als Wirkver-

stärker“ in der Pharmazeutischen Zei-

tung [1] führen selbstredend zu einer

massiven Nachfrage nach diesem neuen

angeblichen Schlüssel zur Tumorthera-

pie in schmerztherapeutischen und on-

kologischen Einrichtungen.

Schlagzeilen wecken Hoffnungen

bei den Patienten

Bereits im Jahr 2008 begann Dr. Claudia

Friesen vom Institut für Rechtsmedizin

an der Universität Ulm ihre Forschung

zunächst bezüglich der Wirkung von

D,L-Methadon auf Leukämiezellen [2].

Ihre neuen Erkenntnisse zur tumorhem-

menden Wirkung von Methadon weck-

ten auch das Interesse von Laienpresse

sowie Fernsehen [3] und entfachten mit

weitreichenden Schlagzeilen einen regel-

rechten Hype. So meldete die Tages-

schau vom 17. August 2016: „Normaler-

weise ist Methadon als Mittel im Hero-

in-Entzug bekannt – doch nun könnte

es zum Helfer in der Krebsbehandlung

werden. Forscher haben entdeckt, dass

die Wirksamkeit herkömmlicher Che-

mos mit der Ersatzdroge beträchtlich ge-

steigert wird“.

Interne Konflikte befeuern das

Interesse

Gleichzeitig warnte die medizinische Fa-

kultät der gleichen Universität zusam-

men mit demUniversitätsklinikum und

dem Comprehensive Cancer Center

Ulm, dass der „unkontrollierte Einsatz

bei Patienten unrealistische Erwartun-

gen wecke, die sich nachteilig für die Pa-

tienten auswirken können. [...] Außer-

halb klinischer Studien unterstützen alle

genannten Institutionen aus den oben

genannten Gründen den unkontrollier-

ten Einsatz von Methadon in der Tu-

mortherapie nicht“ [4]. Die Meldungen

bezögen „sich ausschließlich auf vorkli-

nische Experimente entweder mit Zell-

kulturen oder tierexperimentelle Studi-

en und nicht auf den Menschen. Die An-

gaben zum Erfolg der Behandlung beru-

hen nicht auf wissenschaftlichen

Publikationen und sind für uns nicht

überprüfbar. Es lässt sich daher nicht be-

urteilen, ob bei diesen Patienten ein

möglicher Therapieerfolg aufgrund der

Einnahme von Methadon eingetreten

ist.“

Im Anschluss daran veröffentlichte

das Institut für Rechtsmedizin am Uni-

versitätsklinikum einen Frage-Antwort-

Chat mit fortlaufend aktualisierten Lite-

raturbezugsangaben, zuletzt am 15. Mai

2017 mit der Korrespondenzadresse von

Dr. Friesen [5]. „Beim Einsatz als Wirk-

verstärker von Krebstherapien müssen

zuerst prospektive randomisierte klini-

sche Studien durchgeführt werden. Es

fehlen diese Studien, die sehr teuer sind“,

konzediert die Autorin. Gleichzeitig be-

kräftigt sie jedoch: „Methadon kann als

Schmerzmittel bei Krebspatienten ein-

gesetzt werden.“ Und relativiert an-

schließend gleich wieder: „Es ist aber

beim Einsatz als Schmerzmittel nicht

immer das erste Mittel der Wahl. Meh-

rere hundert Patienten werden jährlich

mit dem Schmerzmittel Methadon in

Kombination mit Chemotherapeutika

und/oder Strahlung behandelt. Alle Ärz-

te und Kliniken, die BTM-Rezepte etwa

für Morphium oder Fentanyl ausstellen

können, dürfen auch Methadon als

Schmerzmittel einsetzen, erklärt Friesen

weiter. Abhängig sei die Verordnung so-

mit nur davon, ob der Behandler Metha-

don einsetzen wolle. Es gäbe mittlerwei-

le bereits viele Kliniken und Ärzte in

Deutschland und Europa, die Methadon

als Schmerzmittel bei Tumorpatienten

verwenden.

Der interne Streit an der Universität

Ulm befeuerte so seinerseits die Nach-

frage der Patienten. Diese werden ihre

Hoffnungen in diese Zusatztherapie aber

erst besser einschätzen können, wenn

wirklich das ein oder andere bewiesen

wäre. NeueTherapieformen müssen erst

in breit angelegten kontrollierten Studi-

en auf ihre Wirksamkeit geprüft werden,

bevor sie als Standardtherapie empfoh-

len werden. Trotzdem muss man als

Schmerzmediziner in dieser Situation

auf die konkrete Verordnung vorbereitet

sein (

Abb. 1

).

Auch in dieser Zeitschrift wurde in

der Februarausgabe bereits der Frage

nach weiteren Einsatzmöglichkeiten

von Methadon nachgegangen [6]. Hil-

scher und Lux untersuchten darin ein-

gehend die Historie, die Pharmakologie

und die Einsatzmöglichkeiten von D,L-

Deutsche Gesellschaft für

Schmerzmedizin e. V.

www.dgschmerzmedizin.de

Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

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