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Integration von Schmerzmedizin und Ethik

Ethische Aspekte bei der Behandlung

chronischer Schmerzpatienten

Nachdem Schmerz im 20. Jahrhundert als eigenständiges Problem

erkannt und seitdem eine unüberschaubare Zahl an empirischen

Studien durchgeführt wurde, sind gerade bei den instrumentell nicht

lösbaren Problemen ethische Überlegungen relevant geworden.

Wichtig ist es, das Bewusstsein für solche Fragen zu schärfen und

humane Lösungswege aufzuzeigen.

S

chmerzerlebnisse oder -zustände

sind in ihrer Erscheinungsform,

ihren ursächlichen Bezügen und

Bedeutungen vielfältig. Nicht alle

Schmerzen haben einen ethischen, im

speziellen medizinethischen Bezug. So

hat zum Beispiel der Schmerz bei verse-

hentlicher mechanischer, thermischer

oder chemischer Einwirkung als physio-

logische Empfindung kurzer Dauer kei-

ne ethische Bedeutung, bei anhaltendem

Verlauf und gravierender Ausprägung

kann diese jedoch hinzukommen. In

Verbindung mit der Nozizeption ist

Schmerz im biologischen Leben sinnvoll

und ein wichtiger Faktor in der psychi-

schen Entwicklung.

Bei heftigen intermittierenden Syn-

dromen wie Clusterkopfschmerzen,

häufig auftretender Migräne oder bei

starkem Dauerschmerz liegt eine schä-

digende Kraft vor. Dieser Unwert kann

in vielfältiger Weise tägliche Aktivitäten

und die Lebensführung einschränken,

wie etwa das Heben und Tragen von Las-

ten, die Haushaltsführung und den Be-

ruf, Gehen und Fahren, soziale Aktivi-

täten, Sport und Schlaf [1]. Anhaltender,

unerträglicher Schmerz kann nicht nur

zu einer missmutig-traurigen Verstim-

mung, zur Einengung von Erlebnisfä-

higkeit und Interessen, zu Insomnie und

Suizidalität, also zu einem algogenen

Psychosyndrom führen, sondern im Ex-

tremfall auch die Menschenwürde infra-

ge stellen und die Autonomie aufheben.

Hier ist der Bezug zu dem, was sein soll,

dem Verhalten, der Vernunft-geleiteten

Lebensführung und der Verwirklichung

des in Freiheit gewählten Lebensplans

gegeben. Eine besondere Bedeutung

kommt ethischen Fragen zu, wenn sich

im Zusammenhang mit unerträglichem

Schmerz eine Suizidalität entwickelt

oder eine Therapieresistenz vorliegt [2].

Dieser Bereich wurde in der Fachlitera-

tur mit der Dominanz von Veröffentli-

chungen mit positiven Studienergebnis-

sen nicht systematisch und umfassend

bearbeitet. Recht verschiedene Ursachen

können dabei auch in Kombination vor-

liegen (

Tab. 1

).

Die klinische Schmerzmedizin befasst

sich weniger mit der Entstehung und

den Abläufen physiologischer Schmerz­

phänomene als vielmehr mit Schmerz

pathologischen Ursprungs. Bei den nicht

aufhebbaren Schmerzsyndromen schlie-

ßen sich an Kants ethische Grundfrage

„Was soll ich tun?“ weitere Überlegungen

an:

Was soll sein?

Was ist normativ richtig?

Was ist nützlich?

Was sollen wir unternehmen?

Welche Prinzipien sind zu berücksich-

tigen?

Welche Mittel können und sollen wir

verwenden?

Allgemein- und medizinethische

Werte

Menschen sind in ihrer Anlage und Na-

tur soziale Wesen [3]. Sie sind von Ge-

burt an auf Hilfe, Fürsorge und Solida-

rität angewiesen. Deshalb haben sich in

ihrem Leben beziehungsweise Zusam-

menleben und Überleben schon in der

vorwissenschaftlichen Zeit verschiedene

soziale Regelungsformen entwickelt –

Sitte, Religion, Recht und Gesetz mit

Sanktionierung bei Verstößen und die

gültige Moral einer Gruppe oder Gesell-

schaft. Schon als sich die medizinische

Tätigkeit als Wissenschaft, diesseitsbe-

zogen und empirisch ausgerichtet bilde-

Tab. 1: Gründe für Therapieresistenz

Allergische Bereitschaft

Niereninsuffizienz

Gastro-intestinale Ulcera

Opioidunverträglichkeit mit paradoxer

Wirkung oder raschemWirkungsverlust

Schwere Persönlichkeitsstörungen

Erkrankungen auf psychiatrischem Gebiet

Gravierende iatrogene Vorschädigungen

Tab. 2: Allgemeinethische Werte

Menschenwürde

Freiheitswerte

Gerechtigkeit

Solidarität

Instrumentalisierungsverbot

Versprechen halten

Pflichterfüllung

Verantwortung

Deutsche Gesellschaft für

Schmerzmedizin e. V.

www.dgschmerzmedizin.de

Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

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