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matisch bedingten Zahnschäden. Jede

Füllung, jede Krone und Brücke, jedes

Implantat und jeder herausnehmbare

Zahnersatz birgt die Gefahr der Verän-

derung der HIP. Nach persönlicher Auf-

fassung des Autors gibt es weltweit kein

manuelles oder instrumentell-apparati-

ves Verfahren, welches in der Lage wäre,

physiologisch korrekte Lagebeziehun-

gen von Unter- zu Oberkiefer zu erfassen

oder wiederherzustellen. Dass es auch

durch sukzessive zahnärztliche Therapi-

en mit immer wieder ungewollt auftre-

tenden Veränderungen der HIP in ver-

hältnismäßig wenigen Fällen zu massi-

ven Entgleisungen und Beschwerden in-

nerhalb des oben genanntenRegelkreises

kommt, verdanken wir ausschließlich

der adaptiven Fähigkeit des Organismus

innerhalb des stomatognathen Systems.

Allein die Tatsache, dass es bezüglich der

korrekten Lage des Unterkiefers zum

Oberkiefer unterschiedliche und sich

zum Teil widersprechende Auffassungen

gibt, unterstreicht diese Ansicht und

spricht für sich. Hier stehen dentogen-

okklusal dominierte Konzepte, bei de-

nen die HIP im Vordergrund steht und

sich Muskulatur sowie Kiefergelenk ei-

ner mechanistisch orientierten Kauflä-

chengestaltung unterordnen und anpas-

sen sollen, den eher arthrogen ausge-

richteten Ansichten gegenüber, nach de-

nen die Diskusgelenkeinheit via HIP

fixiert werden und eine definierte Stel-

lung in der Fossa articularis einnehmen

soll. Außerdem gibt es die vorwiegend

myogen basierten Auffassungen, bei de-

nen allein die maximal relaxierte Mus-

kulatur des orofazialen Systems, aber

gleichzeitig auch des Bewegungsappa-

rats bestimmt, in welcher Lage sich der

Unterkiefer zum Oberkiefer orientieren

soll. Die HIP wird zur Sicherung dieser

Position durch Umgestaltung der Kau-

flächen entsprechend adaptiert.

Innerhalb der DAGST hat sich dieses

Konzept der sogenannten Myozentrik

bestens bewährt. Schon allein die Tatsa-

che, dass eine maximal entspannte Mus-

kulatur den geringsten Energiever-

brauch hat, unterstützt aufgrund von

ergonomischen Überlegungen diesen

Therapieansatz.

Craniomandibuläre Dysfunktion

Fehlfunktionen im stomatognathen Re-

gelkreis werden üblicherweise als

„craniomandibuläre Dysfunktion“ be-

zeichnet. Unter Berücksichtigung aller

beteiligten Gewebekomponenten ein-

schließlich der Psyche wäre der sperri-

gere Begriff „Dento-Gnatho-Myo-Arth-

ro-Neuro-Psycho-Okkluso-Pathie“ je-

doch zutreffender (

Abb. 3

). Durch die

Überbeanspruchung kann es dabei

selbst bei rein physiologischer Belastung

zu verschiedenen Folgeschäden an den

einzelnen Gewebekomponenten kom-

men (

Tab. 1

). An den Zähnen entstehen

Abrasionen an den Kau- und Incisalflä-

chen, Absplitterungen, Kronen- und

Wurzelfrakturen oder keilförmige De-

fekte in der Cervikalregion. Hypersen-

sibilitäten oder gar Schmerzen durch

pulpitische Reizungen können die Folge

sein, bis hin zu Pulpitiden, apikalen Pro-

zessen (apikale Parodontitis, Zysten).

Das Parodontium reagiert mit Gingiva-

rezessionen (z. T. spaltartig an einzelnen

Zähnen = Stillman Clefts), Knochenab-

bau, reaktiven Entzündungen sowie

Zahnlockerungen und -verschiebungen.

Im Bereich der gesamten Muskulatur

(Kau- und mimische Muskulatur,

Mundboden, Zunge, Nacken- und Rü-

ckenmuskulatur) kann es zu Verspan-

nungen wie Muskelhartspann, Myoge-

losen und myofaszialen Schmerzen

kommen, welche triggerartrig, jedoch

auch spontan zu Schmerzen im gesam-

ten Kopf-, Kiefer-, Gesichts-, Nacken-

und Halsbereich führen können.

Die Kiefergelenke unterliegen einer

starken Überlastung mit arthrotischen,

teils arthritischen Reaktionen, einer

Überdehnung der Faszien und Bänder

und nachfolgender Destabilisierung der

Kiefergelenkseinheit mit Diskusverlage-

rungen. Es kommt zumGelenkknacken

oder zu Reibegeräuschen und aufgrund

der besonders guten trigeminal-proprio­

zeptiven Versorgung dieses Gebietes –

insbesondere im Bereich der postlami-

nären Zone – außerdem zu lokalen und

ausstrahlenden Schmerzen, welche sehr

oft zunächst einem HNO-Kollegen vor-

gestellt werden. Trigeminale Überrei-

zungen sowohl des afferenten als auch

des efferenten Anteils (Innervation der

Kaumuskulatur) werden in den gesam-

ten Kopf- und Gesichtsbereich projiziert

und verursachen akute oder chronisch

persistierende Schmerzen bis in die obe-

re Halswirbelsäulenregion. Mit Chroni-

fizierungsmechanismen ist zu rechnen,

wenn eine dauerhafte und exzessive Rei-

zung innerhalb des Trigeminus zu

neuroplastischen Veränderungen führt.

Abb. 2

: Einfluss der Okklusion auf die zentrale Steuerung

Zähne

Kiefergelenk

Muskulatur

Cerebellum

Tractus spinocere-

bellaris unilateral

Tractus spinothalamicus

contralateralis

Okklusion

Tractus spinocerebellothalamicus

Balance

Hypothalamus

Hypophyse

Hormoneller Regelkreis

Nervus trigeminus

Pons

Thalamus

Cerebrum

©© DAGST e.V.

Abb. 3

: Craniomandibuläre Dysfunktion

Zähne

Zahnhalteapparat (Parodont)

Kiefergelenk

Muskulatur (Kaumuskulatur und mimisch)

Nervensystem (peripher und zentral)

Dento-Neuro-Myo-Arthrogene Verkettung

Dento-Gnatho-Myo-Arthro-Neuro-Psycho-Okkluso-

Pathie

©© DAGST e.V.

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Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

DAGST

Deutsche Akademie für ganzheitliche Schmerztherapie