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Schmerztherapie ausländischer Patienten

Kultur oder Sprache als Hürde?

Im Umgang mit Patienten anderer Kul-

turen besteht in der schmerzmedizinischen

Praxis bei so manchem eine gewisse Befan-

genheit. Ist mehr Kultursensibilität erforder-

lich? Zumindest kam Dr. Andreas Kopf,

Hochschulambulanz für Schmerz- und

Palliativmedizin, Charité-Universitätsmedi-

zin Berlin zu dem Fazit, dass es wohl eher

um eine Sozio- als eine Kultursensibilität

gehe. Der Behandler solle sich hüten, das

„Fremde zu exotisieren“, forderte er beim

Schmerzkongress in Mannheim. Aus Kopfs

Sicht kommt es vielmehr darauf an, behand-

lerseitige Stereotypen zu vermeiden, prak-

tische Kommunikationshürden wie fehlen-

de Dolmetscherdienste zu überwinden und

im Erstkontakt die Erwartungen und Einstel-

lungen des Patienten gut zu erfassen.

Hier kann ein 2014 publizierter Interview-

leitfaden Hilfestellung geben (Bachmann V

et al. Erfahrungen russischsprachiger Mig-

ranten beim Hausarzt, Dtsch Ärztebl Int

2014; 111: 8771–876). Er gibt Tipps zur induk-

tiven Gesprächsführung, die Rückschlüsse

auf Krankheitsnarrative und individuelle

Erklärungsmodelle für Schmerzen ermög-

licht.

In der Versorgung von Migranten gibt es

aber auch ganz konkrete biologische und

genetische Faktoren, die für eine Schmerz-

therapie von Bedeutung sind. Dazu zählen

vor allem Genpolymorphismen und -muta-

tionen, welche die Metabolisierung von

Medikamenten beeinflussen und damit

auch deren Wirkung beziehungsweise

Nebenwirkungsprofil. Wie Professor Ulrike

Stamer, Klinik für Anästhesiologie und

Schmerztherapie des Inselspitals der Uni-

versität Bern berichtete, können sogenann-

te „poor metabolizer“ für CYP2D6, die im

Mittelmeerraum häufiger sind, Codein und

Tramadol nicht in die aktiven Metaboliten

umwandeln. Sie weisen dadurch keine oder

eine reduzierte Analgesie auf. Umgekehrt

kann es bei „ultra rapid metabolizern“, die

in Ostafrika, Äthiopien, dem Nahen Osten

und Ozeanien fast ein Drittel der Bevölke-

rung ausmachen, zu einer Atemdepression

wie bei einer Überdosierung kommen. Dies

sei wichtig im Kopf zu behalten, wenn der

Erfolg der Schmerztherapie evaluiert werde,

so Stamer. Denn eine genetische Testung

auf Genotypen wird es so bald nicht geben.

Dr. Wiebke Kathmann

Chronischer Bauchschmerz

Update zur Pharmakotherapie

Bei den meist diffusen chronischen ab-

dominellen Schmerzen ist die Lokalisation

oft schwer zu finden. Ob eine maligen Er-

krankung, eine chronische Entzündung

oder Ischämie, eine Stoffwechselerkran-

kung oder ein Reizdarmsyndrom dahinter

steckt, muss differenzialdiagnostisch ge-

klärt werden, erinnert Dr. Viola Andresen

vom Israelitischen Krankenhaus Hamburg

auf dem Deutschen Schmerzkongress.

Gemäß eines Stufenschemas sollte mit peri-

pheren Analgetika begonnen werden, wo-

bei klassische nichtsteroidale Antirheumati-

ka (NSAR) aufgrund ihrer gastroenterologi-

schen Nebenwirkungen ungern gegeben

würden. Auch Paracetamol (keine Dauerthe-

rapie wegen Hepatotoxizität) und Coxibe

(potenzielle kardiale Nebenwirkungen) sei-

en generell nicht an Bord. Dagegen werde

Metamizol gern gegeben, da es auch spas-

molytisch und damit gut bei Koliken wirke.

Reichen periphere Analgetika nicht aus,

kommen in Stufe zwei und drei schwach

beziehungsweise stark wirksame Opioide –

gegebenenfalls in Kombinationmit periphe-

ren Analgetika – zum Einsatz. Dies gelte al-

lerdings nur, wenn die gastrointestinale

Funktion nicht bereits durch eine Obstipati-

on eingeschränkt sei. Dann sollte zusätzlich

ein PAMORA (peripher agierender μ-Opioid-

Rezeptor-Agonist) gegeben werden, um

die Effekte an den gastrointestinalen

μ-Rezeptoren auszuschalten, riet Andresen.

Als weitere, in der Gastroenterologie ver-

wendete Therapieansätze nannte Andresen

Muskelrelaxanzien wie Butylscopolamini-

umbromid bei Krämpfen und Koliken sowie

Gabapentin, Pregabalin oder Amitriptylin

bei neuropathischer Schmerzkomponente.

Invasive Verfahren, wie ein Periduralkathe-

ter oder die bildgebungsgestützte Blocka-

de des Truncus coeliacus, zum Beispiel bei

Schmerzen im Zusammenhang mit einem

Pankreaskarzinom, kommen nur im Notfall

zum Einsatz.

Dr. Wiebke Kathmann

Gefährlicher Trend

Schlafmittel für

Kleinkinder

Mediziner und Behörden warnen vor

einem gefährlichen Trend: Schlafmit-

tel für Kleinkinder. „Es kann – auch in

niedrigen Dosen – zum Atemstill-

stand kommen“, sagte Hermann Jo-

sef Kahl, Sprecher des Berufsverban-

des der Kinder- und Jugendärzte

(BVKJ). Außerdem könnten die Mittel

abhängigmachen. „90 bis 95 Prozent

der Kinder sind gesund, haben nur

einen anderen Schlafrhythmus.“

(dpa)

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Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

Panorama