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Der Schmerzchronifizierung entgegenwirken

In der Regel beginnt jeder chronische

Schmerzmit einem starken akuten Schmerz.

Das gilt auch für den Rückenschmerz, der

häufig chronifiziert. Durch frühen Einsatz

des stark wirksamen Analgetikums Tapen-

tadol retard (

in ausreichender

Dosierung können Rückenschmerzen nicht

nur effizient gelindert, sondern es kann

auch der Chronifizierung entgegengewirkt

werden. Daran hat Dr. Reinhard Sittl aus

Erlangen beim „Innovationsforum Schmerz-

medizin“ in Berlin erinnert. Dies sei durch

den dualen Wirkmechanismus von Tapen-

tadol begründet, der gezielt in die Vorgänge

bei der Chronifizierung von Schmerzen

eingreife. Tapentadol schaltet sich gleich

zweifach gezielt in diesenMechanismus ein:

Als μ-Opioidrezeptor-Agonist (MOR) redu-

ziert Tapentadol die aufsteigenden nozizep-

tiven Schmerzsignale und gleichzeitig

werden über die Noradrenalin-Wiederauf-

nahmehemmung (NRI) die absteigenden

schmerzhemmenden Bahnen gestärkt. So-

mit stehe mit Tapentadol retard eine me-

chanismenorientierte Therapieoption bei

starken, chronischen Rückenschmerzen zur

Verfügung, wird Sittl in einer Mitteilung des

Unternehmens Grünenthal zitiert.

Nicht nur die gute Verträglichkeit, sondern

auch das pharmakologische Profil mache

Tapentadol zu einer auch bei älteren komor-

biden Patienten sehr sicheren, einfach ein-

zusetzenden Substanz, erklärt der Schmerz-

therapeut Ulf Schutter aus Marl. So könne

Tapentadol aufgrund der hohen Bioverfüg-

barkeit unabhängig von der Nahrungsauf-

nahme eingenommen werden und habe

nur ein sehr geringes Interaktionspotenzial.

Da keine aktiven Metaboliten gebildet

werdenmüssten, sei die Kumulationsgefahr

zudem gering. Als weiteren Vorteil nannte

Schutter die einfache Titration. Bis zur

Höchstdosis von 2× 250 mg nehme diese

bei anfänglich niedrigen Dosierungen nur

drei Wochen in Anspruch. Dadurch könne

die Wirksamkeit rasch beurteilt werden.

Patienten mit neuropathischen Schmerzen

oder dem bei Rückenschmerzen häufig

vorliegenden „Mixed Pain“ (nozizeptiver

und neuropathischer Schmerz) benötigten

laut Schutter eine Erhaltungsdosis von oft

2× 200 mg.

red

Presseinformation zum Innovationsforum

Schmerzmedizin „Aspekte von Chronifizierung

– Optionen für eine optimale Schmerztherapie

in verschiedenen Versorgungssituationen

,

Berlin, 18.11.2016; Grünenthal GmbH

Capsaicinpflaster bei Radikulopathie

Das kutane System 8% Capsaicin-Pflas-

ter stellt bei der Behandlung peripherer

neuropathischer Schmerzen eine wirksame

und gut verträgliche Option dar. Auch Pati-

enten mit Radikulopathie profitieren von

dem Pflastersystem mit Capsaicin (

®), das direkt auf die schmerzenden Area-

le aufgeklebt wird und so direkt an den

krankheitsbedingt überaktiven Schmerz­

fasern wirkt, erklärte Professor Ralf Baron

von der Klinik für Neurologie an der UKSH

Kiel. Capsaicin ist ein hochselektiver Agonist

für den TRPV1-Kanal (Transienter Rezeptor

Potenzialkanal vomVanilloidrezeptortyp 1).

Bei Hautkontakt desensibilisiert der hoch-

dosierte Wirkstoff die TRPV1-Kanäle in den

Nozizeptoren. Die Nervenfaserdichte wird

reversibel reduziert, ihre Funktionsfähigkeit

kehrt im Laufe der Zeit von selbst zurück.

Die Behandlung bewirkt eine Schmerzlin-

derung von durchschnittlich fünf Monaten

bei einmaliger Anwendung über maximal

eine Stunde (Mou J et al., Clin J Pain 2014, 30:

286–94). Bei Bedarf kann die Applikation

alle 90 Tage wiederholt werden.

In der nicht interventionellen QUEPP-Studie

hat die einmalige Applikation des Pflaster-

systems bei einer Untergruppe von 50 Pati-

enten mit schmerzhafter Radikulopathie

die Schmerzintensität von 7,0 Punkten auf

dem NPRS-Score (Numeric Pain Rating

Scale) signifikant um 29,3% auf 4,8 Punkte

reduziert (p≤0,001) (Günther O et al.,

Schmerz 2013, Suppl 1: 95). Das neuropathi-

sche Schmerzsyndrom hatte im Mittel seit

6,2 Jahren bestanden.

Die Studie machte ebenfalls deutlich, dass

ein frühzeitiger Einsatz von 8% Capsaicin-

Pflaster besonderen Nutzen bringt: Je kür-

zer der Schmerz bestand, umso größer war

die Schmerzreduktion und umso später

stieg der Schmerz wieder an. Bei kurzer

Schmerzdauer (≤ 2 Jahre) sprachen 71,4%

der Patienten mit einer Schmerzreduktion

von mindestens 30% auf eine einmalige

Pflasterapplikation an, gegenüber 39,1%

der Patienten mit einer seit mehr als zwei

Jahren bestehenden radikulären Schmerz-

symptomatik (Heskamp M et al., Deutscher

Schmerzkongress Hamburg 2014, Poster

P05.09, Abstract 289).

Dagmar Jäger-Becker

Lunch-Symposium „Zwischen Wunsch und

Wirklichkeit: Wissen wir, was unsere Nerven-

schmerz-Patienten wirklich brauchen?“ beim

Schmerzkongress 2016 Mannheim, 21.10.2016,

Veranstalter: Astellas Pharma GmbH, München

Abb. 1

: Entwicklung des NPRS-Score unter 8% Capsaicin-Pflaster bei Patienten mit

Radikulopathie (Alter: 57,5 ± 13,3 Jahre, Schmerzdauer: 6,2 ± 7,0 Jahre)

N

7,02

5,08

4,89

4,48

4,81

Baseline

Tag 7−14

Woche 4

Woche 8

Woche 12

50

48

46

46

47

10

9

8

7

6

5

4

3

2

1

0

NPRS-Score (Mann)

©© Mod. nach Günther O et al., Schmerz 2013, Suppl 1: 95

Schmerzmedizin 2017; 33 (1)

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