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Cybercoping

Vielen Schwerkranken hilft Bloggen bis

zum letzten Atemzug

In Ruhe und Zurückgezogenheit sterben war gestern. Heute schreiben

sich viele das Leid in aller Öffentlichkeit von der Seele. Sie kommen da-

durch mit der Krankheit oft besser zurecht.

H

allo. Ich heiße Dmitrij Panov und

ich werde bald sterben. Klingt ko-

misch, ist aber so.“ Mit diesen

Worten beginnt der 25-jährige Marbur-

ger seinen Blog „Sterben mit Swag“. Die

letzten neun Monate seines Lebens brei-

tet er öffentlich seine Gedanken und Ge-

fühle aus.

Bloggen ist populär geworden, auch

das Bloggen über Krankheit und Tod.

Social Media sind längst in die Kranken-

zimmer und Hospize vorgedrungen.

Das Web 2.0 als interaktive Bühne vor

anonymem Publikum, das die Selbstent-

blößung erleichtert, das mal applaudiert,

mal aufmuntert, mal kritisiert, mal pö-

belt. In einer Welt, in der viele bereit

sind, alle Details ihres Lebens auf Face-

book vorzuführen, mag die Hemm-

schwelle für ein öffentliches Krankheits-

tagebuch gering sein, der Krebsblog ist

dann häufig nur die Fortführung der

„Timeline“ im öffentlichen Raum. So war

es etwa bei der 2016 gestorbenen Mode-

ratorin Miriam Pielhau: Sie machte ein-

fach ihre Facebookseite öffentlich. Ihr

letzter Eintrag wurde über 6.000-mal

„geliked“.

Doch einen öffentlichen Krankheits-

blog starten auch Patienten, die sich für

Social Media zuvor nur wenig interes-

siert haben. Was also bewegt Menschen,

plötzlich vor großem Publikum über

ihre Körperfunktionen und -dysfunkti-

onen zu plaudern?

Ähnlich wie expressives Schreiben

Neben demVerlangen, ein Vermächtnis

zu hinterlassen, kann das Bloggen ein

Weg sein, mit der Krankheit besser zu-

rechtzukommen. Kommunikationswis-

senschaftler um Stephen Rains und Da-

vid Keating aus Tucson, USA, sehen eine

gewisse Ähnlichkeit dieses „Cyberco-

pings“ mit expressivem Schreiben, das

bei der Bewältigung von Lebenskrisen

helfen soll. In einer Metaanalyse von 150

Studien aus dem Jahr 2006 zeigten sich

positive Auswirkungen auf Psyche und

Gesundheit bei Personen, die sich das er-

lebte Leid von der Seele schrieben (Psy-

chological Bulletin 2006; 132, 823). Das

expressive Schreiben löst nach dem In-

hibitionsmodell unterdrückte Gedan-

ken und Emotionen, die sich negativ auf

die Gesundheit auswirken, und fördert

die kognitive Verarbeitung. Die Selbst-

regulationstherorie geht hingegen davon

aus, dass starke emotionale Ausdrücke

beim Schreiben den Betroffenen ein

Kontrollgefühl geben, das den Umgang

mit negativen Gefühlen erleichtert. Das

müsste demnach auch fürs Bloggen gel-

ten. Allerdings verarbeiten Blogger ihre

Erlebnisse unter den Augen der Öffent-

lichkeit, und das ist dann doch ein gro-

ßer Unterschied, geben Rains und Kea-

ting zu bedenken (Commun Research

2015, 42: 107). Die Kommunikationswis-

senschaftlerin Deborah Chung und die

Pathologin Sujin Kim aus Lexington,

USA, sehen durch das Bloggen vor allem

zwei Bedürfnisse von schwer Erkrank-

ten befriedigt – das nach emotionaler

Unterstützung und das nach Informati-

on (JASIST 2008; 59: 297). „Die Patien-

ten werden häufig mit komplexen Infor-

mationen konfrontiert und müssen so-

wohl mit der physischen als auch psychi-

schen Belastung durch ihre Krankheit

zurechtkommen.“

Bloggen gehört für viele Menschen der jüngeren Generation zum Alltag, auch das Bloggen über Krankheit und Tod.

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Schmerzmedizin 2017; 33 (4)

Medizin aktuell