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Wie sehr das Emotionsmanagement

dabei im Vordergrund steht, konnten

die beiden Forscherinnen in einer Um-

frage bei 113 Teilnehmern von Krebs-

blogs zeigen. Sie konfrontierten die

Blogger mit einer Reihe von Statements

wie: „Blogs helfen mir, meinen Frust im

Umgang mit Krebs auszudrücken“ oder

„Ich habe über Krebsblogs wichtige In-

formationen erhalten“. Am stärksten

war die Zustimmung bei Statements

zum emotionalen Management, der In-

formationsaustausch landete auf dem

zweiten Platz. Deutlich weniger hilfreich

scheinen Blogs zu sein, um Probleme zu

lösen, etwa die aktuelle Therapie zu ver-

ändern, bessere Entscheidungen imUm-

gang mit der Krankheit zu treffen oder

sich für Arztgespräche zu wappnen.

Der Informationsaustausch ist jedoch

ein kritischer Punkt. In einer Umfrage

bei Ärzten gab immerhin ein Viertel an,

im Internet erworbenes Wissen der Pa-

tienten sei in der Regel völlig falsch, nur

ein Bruchteil (acht Prozent) beurteilte

das Internetwissen als völlig korrekt

(Journal of Medical Internet Research

2003; 5: e17). Pielhau etwa schwor auf

eine kohlenhydratarme vegane Ernäh-

rung. „Krebszellen brauchen nur Zucker,

mit dem anderen Zeug können sie nichts

anfangen“, so ihre Begründung. Da sol-

che Promitipps andere Kranke beein-

flussen, schlagen Chung und Kim vor,

die Patienten zu trainieren, Fakten von

Fiktion zu unterscheiden und auf ver-

trauenswürdige Webseiten zu gehen.

Mehr als ein Informationskanal

Manchmal folgt ein Blog aber vor allem

einem praktischen Bedürfnis: den aktu-

ellen Zustand eines erkrankten Angehö-

rigen zu posten, um durch die vielen An-

fragen per Telefon und Mail nicht völlig

gelähmt zu werden. Sehr eindrucksvoll

beschreibt der Endokrinologe Dr. Leon

Bach aus Melbourne in Australien, wie

er zum Blogger wurde (Journal of Clini-

cal Oncology 2008; 26: 4504). Nachdem

seine Frau Ilana an Brustkrebs erkrankt

war, wollten ihre Freunde ständig wis-

sen, wie es ihr ging. Die Bachs stellten

schließlich fest, dass sie dafür weder die

Kraft noch die nötig Zeit hatten. Als sich

Ilanas Zustand eine Woche vor ihrem

Tod zuspitzte, begann der Arzt einen

Blog und informierte damit alle Freun-

de und Bekannten über ein tägliches Up-

date. „Ich dachte zunächst nur an einen

Informationskanal, aber daraus wurde

etwas weitaus Mächtigeres. Ich war in

der Lage, das Geschehen der letzten 24

Stunden zu reflektieren, und konnte

mich viel ehrlicher und intimer ausdrü-

cken als in den unzähligen emotional er-

schöpfenden Telefongesprächen.“

Bach bedauert, dass er den Blog nicht

schon früher begonnen hatte. Die

„Macht des Bloggens“, so schreibt er, wird

noch immer unterschätzt, gerade im

Endstadium einer Erkrankung. Er rät

seinen Kollegen, mit Patienten am Le-

bensende über dieses Werkzeug zu spre-

chen.

Thomas Müller